Wir dürfen die Hoffnung nicht verlieren

Es gibt Zeiten, in denen man morgens aufsteht und eigentlich schon beim ersten Kaffee das Gefühl hat, dass alles ein bisschen schwerer geworden ist, dass die Leichtigkeit fehlt, dass man sich viel mehr Gedanken macht als früher und dass selbst Dinge, die einmal vollkommen selbstverständlich waren, plötzlich kompliziert, anstrengend oder mit irgendwelchen Sorgen verbunden sind, und ich glaube, dass wir gerade genau in so einer Zeit leben.

Ich merke das jeden Tag im Handel, und damit meine ich gar nicht ausschließlich die Umsätze, die gestiegenen Kosten, die Rechnungen, die Kaufzurückhaltung oder die Frage, wie sich unser Land wirtschaftlich weiterentwickelt, sondern ich meine vor allem die Stimmung unter den Menschen, denn die hat sich meiner Meinung nach in den vergangenen Jahren mindestens genauso stark verändert wie unsere wirtschaftliche Situation.

Die Menschen sind müder geworden, angespannter, schneller gereizt und vielleicht auch ein Stück weit egoistischer, weil jeder versucht, irgendwie durch seinen eigenen Alltag zu kommen, seine Rechnungen zu bezahlen, seine Familie zusammenzuhalten, seinen Arbeitsplatz zu sichern und mit all den schlechten Nachrichten fertigzuwerden, die jeden einzelnen Tag auf uns einprasseln.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass vielen schlicht die Kraft fehlt, noch nach rechts und links zu schauen.

Und natürlich merkt man das im Handel ganz besonders, weil wir jeden Tag mit Menschen zu tun haben und weil wir unmittelbar erleben, wie sich Stimmungen verändern, wie viel schneller sich jemand über eine Kleinigkeit aufregt, wie wenig Geduld manchmal vorhanden ist und wie aus Dingen, über die man früher vielleicht kurz gelacht hätte, plötzlich ein riesiges Problem gemacht wird.

Ich habe mich deshalb gefragt, ob ich mir diese Veränderung vielleicht nur einbilde, weil auch ich nach all diesen Jahren mit Corona, Krieg, Inflation, Energiekrise, Bürokratie, steigenden Kosten und wirtschaftlicher Unsicherheit dünnhäutiger geworden bin, aber offensichtlich gibt es tatsächlich Untersuchungen, die genau diese Entwicklung beschreiben.

Im Empathie-Report 2026 sagen 83 Prozent der Befragten, dass empathisches Verhalten in Deutschland in den vergangenen fünf Jahren abgenommen hat, und neun von zehn Menschen haben das Gefühl, dass unser gesellschaftlicher Zusammenhalt schwächer geworden ist.

Ich finde diese Zahlen erschreckend, aber gleichzeitig wundern sie mich überhaupt nicht.

Wir haben schließlich Jahre hinter uns, in denen gefühlt eine Krise die nächste abgelöst hat und kaum war das eine Thema halbwegs verdaut, kam schon das nächste um die Ecke, während gleichzeitig alles teurer wurde, die wirtschaftliche Sicherheit abnahm und wir jeden Tag auf unseren Handys mit Nachrichten, Kriegen, Katastrophen, politischen Streitereien und den nächsten Hiobsbotschaften konfrontiert wurden.

Wann waren wir eigentlich das letzte Mal wirklich unbeschwert?

Ich meine damit nicht einen schönen Samstagabend mit Freunden oder eine Woche Urlaub, sondern dieses grundsätzliche Gefühl, dass die Dinge schon irgendwie gut werden, dass man nach vorne schauen kann und dass man nicht bei jeder Entscheidung überlegen muss, was als Nächstes passieren könnte.

Ich glaube, genau dieses Gefühl ist vielen Menschen verloren gegangen.

Und wenn Menschen über einen langen Zeitraum verunsichert sind, dann verändert das natürlich etwas, denn wer selbst Angst hat, schaut irgendwann zuerst auf sich, wer ständig unter Druck steht, reagiert schneller gereizt und wer das Gefühl bekommt, dass der eigene Wohlstand oder die eigene Sicherheit nicht mehr selbstverständlich sind, beginnt Dinge zu verteidigen, über die er früher wahrscheinlich überhaupt nicht nachgedacht hätte.

Das soll kein schlechtes Benehmen entschuldigen, denn ich finde nach wie vor, dass Respekt, Anstand und Freundlichkeit nichts kosten und dass schwierige Zeiten kein Freifahrtschein dafür sind, andere Menschen schlecht zu behandeln, aber vielleicht hilft es manchmal, zu verstehen, warum unsere Gesellschaft momentan so gereizt wirkt.

Auch der Stressreport der Techniker Krankenkasse zeigt, dass rund zwei Drittel der Menschen in Deutschland häufig oder zumindest manchmal gestresst sind, und wenn eine Gesellschaft über Jahre unter Druck steht, dann kann man wahrscheinlich nicht erwarten, dass das vollkommen spurlos an ihr vorbeigeht.

Gerade wir im Handel bekommen diese Stimmung jeden Tag ungefiltert mit, denn durch unsere Türen kommen die Fröhlichen, die Freundlichen, die Einsamen, die Gestressten, diejenigen, die einfach einen schönen Nachmittag verbringen möchten, und natürlich auch diejenigen, bei denen man manchmal das Gefühl hat, dass sie ihren gesamten Frust draußen eingesammelt haben und ihn anschließend bei uns an der Kasse abladen.

Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, dass auch diejenigen, die hinter dieser Kasse stehen, irgendwann müde werden.

Wir Unternehmer bezahlen gestiegene Mieten, Energie, Versicherungen, Mitarbeiter, Waren, Werbung und unzählige andere Dinge, wir kämpfen uns durch immer neue Vorschriften und immer mehr Bürokratie, wir tragen Verantwortung für Menschen, Arbeitsplätze und unser eigenes Unternehmen und sollen trotzdem jeden Morgen unsere Türen öffnen, freundlich sein, Ideen haben, investieren, motivieren und selbstverständlich daran glauben, dass morgen alles wieder besser wird.

Und ja, manchmal fällt auch mir das schwer.

Es gibt Tage, an denen ich mich frage, wann dieses Land wirtschaftlich endlich wieder ein bisschen zur Ruhe kommt, wann Menschen wieder mehr Lust auf Zukunft bekommen, wann Unternehmer nicht mehr bei jeder neuen Nachricht überlegen, was sie diesmal wieder kostet und wann wir endlich wieder häufiger über Chancen, Ideen und Möglichkeiten sprechen als über Krisen, Verbote und Probleme.

Ich kenne die Antwort darauf nicht, aber eines weiß ich inzwischen ziemlich genau: Ich möchte mich von dieser Stimmung nicht mit nach unten ziehen lassen.

Denn wenn wir irgendwann alle nur noch misstrauisch, schlecht gelaunt und verbittert durch unser Leben laufen, wenn wir nichts mehr wagen, nichts mehr aufbauen, niemandem mehr etwas gönnen und hinter jedem Menschen zuerst einen Gegner vermuten, dann haben diese schwierigen Jahre sehr viel mehr kaputt gemacht als unsere Kaufkraft und unsere Wirtschaft.

Dann haben sie nämlich uns verändert.

Und genau das dürfen wir meiner Meinung nach nicht zulassen.

Ich glaube nach wie vor daran, dass auch wieder bessere Zeiten kommen werden, vielleicht nicht morgen und vielleicht auch nicht in der Form, wie wir sie von früher kennen, denn wahrscheinlich müssen wir uns tatsächlich von der Vorstellung verabschieden, dass irgendwann einfach alles wieder genauso wird wie 1995, 2005 oder 2015.

Deutschland hat sich verändert, Europa hat sich verändert und die Welt sowieso und natürlich werden auch wir uns verändern müssen, aber Veränderung bedeutet für mich noch lange nicht, dass alles schlechter werden muss.

Vielleicht müssen wir gerade jetzt wieder lernen, ein bisschen mehr an uns selbst zu glauben, an unsere Unternehmen, an unsere Mitarbeiter, an unsere Nachbarn und an all die Menschen, die morgens aufstehen, arbeiten gehen, Verantwortung übernehmen, Familien großziehen, Steuern bezahlen, Betriebe führen, neue Ideen entwickeln und trotz aller Schwierigkeiten immer noch versuchen, etwas aus ihrem Leben zu machen.

Und vielleicht müssen wir tatsächlich auch wieder ein bisschen mehr an Deutschland glauben.

Nicht blind, nicht naiv und schon gar nicht mit der rosaroten Brille, denn ich sehe sehr genau, was momentan schiefläuft und ich erlebe als Unternehmerin jeden Tag, wie schwer manche Dinge geworden sind, aber ich möchte trotzdem nicht glauben, dass wir unseren besten Zeiten einfach nur noch hinterherschauen können.

Schlechte Zeiten bleiben nicht für immer, auch wenn sie sich mittendrin manchmal verdammt lange anfühlen.

Vielleicht wird es danach nicht mehr genauso wie früher, vielleicht müssen wir manches neu denken und vielleicht werden wir uns von einigen Selbstverständlichkeiten verabschieden müssen, aber deshalb dürfen wir doch nicht aufhören, an eine bessere Zukunft zu glauben.

Eine Gesellschaft besteht am Ende nicht nur aus Politik, Wirtschaftszahlen, Statistiken und Schlagzeilen, sondern aus uns allen und wenn wir wollen, dass dieses Land wieder ein bisschen freundlicher, mutiger, zuversichtlicher und menschlicher wird, dann können wir nicht jeden Morgen darauf warten, dass irgendein anderer damit anfängt.

Also versuche ich es für meinen Teil weiter.

Ich stehe morgens auf, öffne meine Türen, mache meine Arbeit, habe neue Ideen, ärgere mich, freue mich, zweifle manchmal, fange mich wieder und versuche vor allem, mir von all dem, was gerade schwierig ist, nicht auch noch meine Freude an dem nehmen zu lassen, was ich mir über viele Jahre aufgebaut habe.

Vielleicht werden die Zeiten nicht mehr wie früher. Aber vielleicht werden sie irgendwann wieder leichter.

Und bis dahin sollten wir aufpassen, dass wir bei all den Krisen, Sorgen und schlechten Nachrichten nicht genau das verlieren, was wir später am dringendsten brauchen werden: unseren Mut, unsere Menschlichkeit, unsere Zuversicht und den Glauben daran, dass es weitergeht.

Denn aufgeben ist für mich keine Lösung, weder für mein Unternehmen noch für mich selbst und schon gar nicht für eine ganze Gesellschaft.

Die Zeiten sind hart genug. Wir müssen deshalb nicht auch noch härter werden.

In Liebe an uns alle, Marlis

Bild wurde mit KI ertsellt.


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