Wenn die Welt verrückt spielt, bleiben wir bei uns
Es gibt im Moment Tage, da wache ich auf, mache den ersten Kaffee und frage mich, ob die Welt eigentlich komplett verrückt geworden ist. Noch bevor der Tag richtig angefangen hat, prasseln schon die ersten Schlagzeilen auf einen ein. Krieg, Wirtschaftskrise, Insolvenzen, Gewalt, Hass, politische Streitereien, immer neue Verbote, immer neue Ängste und gefühlt jeden Tag etwas, das einem sagt, dass alles schlechter wird. Man könnte sich von morgens bis abends damit beschäftigen. Man könnte jedes Video anschauen, jeden Artikel lesen und jede Diskussion verfolgen. Und irgendwann würde man wahrscheinlich selbst verrückt werden.
Ich habe irgendwann gemerkt, dass mir genau das passiert. Ich wurde unruhig. Ich war gereizt. Ich habe Dinge mit nach Hause genommen, die ich überhaupt nicht beeinflussen konnte. Mein Kopf war ständig beschäftigt mit Problemen, die tausende Kilometer entfernt waren oder Entscheidungen, die andere Menschen getroffen haben. Und obwohl ich mich jeden Tag informiert habe, hatte ich am Ende des Tages nicht eine einzige Lösung gefunden. Ich hatte nur schlechter geschlafen.
Seitdem versuche ich, bewusster damit umzugehen.
Nein, ich verschließe meine Augen nicht vor der Realität. Ich weiß sehr genau, dass wir gerade keine einfachen Zeiten erleben. Ich muss nur morgens die Tür unseres Concept Stores aufschließen und mit den Menschen sprechen. Ich sehe die Unsicherheit in vielen Gesichtern. Ich höre Gespräche über steigende Preise, Existenzängste und Zukunftssorgen. Ich führe selbst ein Unternehmen und weiß ganz genau, was wirtschaftlicher Druck bedeutet. Ich kenne Nächte, in denen ich Rechnungen im Kopf addiert habe, obwohl ich eigentlich schlafen wollte. Ich weiß, wie sich Verantwortung anfühlt.
Aber ich habe auch gelernt, dass ich nicht zulassen darf, dass diese Sorgen mein ganzes Leben auffressen.
Denn was passiert denn, wenn ich mich den ganzen Tag nur noch mit schlechten Nachrichten beschäftige? Wird dadurch ein Krieg beendet? Wird dadurch die Wirtschaft besser? Wird dadurch ein Mensch freundlicher? Nein. Das Einzige, was sich verändert, bin ich selbst. Ich werde schwerer. Ich werde müder. Ich verliere meine Leichtigkeit. Und genau das möchte ich nicht zulassen.
Deshalb liebe ich inzwischen die einfachen Momente viel mehr als früher.
Ich liebe es, wenn wir nach Hause kommen und einfach die Tür hinter uns schließen. Kein Telefon. Keine Nachrichten. Keine Diskussionen. Nur wir. Manchmal sitzen wir einfach gemeinsam auf der Terrasse und sagen eine halbe Stunde gar nichts. Leia liegt irgendwo in der Sonne oder schläft zusammengerollt neben uns. Einer macht sich einen Kaffee, der andere gießt die Blumen. Es passiert eigentlich nichts Besonderes. Und genau das ist das Besondere daran.
Früher hätte ich wahrscheinlich gedacht, so ein Abend wäre langweilig. Heute fühlt er sich wie Luxus an.
Ich glaube, wir unterschätzen völlig, wie laut unsere Welt geworden ist. Jeder hat eine Meinung. Jeder möchte gehört werden. Jeder möchte Recht haben. Das Handy klingelt. Irgendwo blinkt eine Nachricht auf. Die sozialen Medien hören niemals auf. Es gibt immer noch einen Kommentar, noch ein Video, noch eine Schlagzeile. Unser Kopf bekommt kaum noch eine Pause.
Vielleicht ist genau deshalb so viel Gereiztheit entstanden. Weil wir ständig alles wissen wollen. Weil wir jede Krise in Echtzeit verfolgen. Weil wir das Gefühl haben, wir müssten überall mitreden und alles bewerten. Aber müssen wir das wirklich?
Ich habe für mich entschieden, dass die Antwort nein ist.
Ich muss nicht jede Diskussion führen. Ich muss nicht auf jeden Menschen reagieren. Ich muss nicht jede Nachricht bis ins kleinste Detail verfolgen. Und ich muss mich auch nicht jeden Tag von der schlechten Stimmung anderer Menschen anstecken lassen.
Ich habe nur dieses eine Leben.
Und dieses Leben möchte ich nicht damit verbringen, permanent Angst zu haben.
Natürlich mache ich mir Gedanken über mein Unternehmen. Natürlich beschäftigt mich die wirtschaftliche Entwicklung. Natürlich wünsche ich mir Frieden und eine bessere Zukunft. Aber zwischen Sorgen und Dauerbeschallung liegt ein riesiger Unterschied.
Ich habe gelernt, Grenzen zu setzen. Auch für meinen Kopf.
Es gibt Tage, da lege ich das Handy ganz bewusst weg. Dann gehe ich durch unseren Laden, räume Regale ein, unterhalte mich mit unseren Kundinnen oder freue mich über eine neue Lieferung, als wäre sie das Wichtigste auf der Welt. Vielleicht klingt das für manche banal. Für mich ist es das Gegenteil. Es erinnert mich daran, dass das echte Leben immer noch direkt vor meiner Nase stattfindet und nicht auf irgendeinem Bildschirm.
Ich glaube, wir brauchen alle wieder mehr von diesen kleinen Inseln. Orte, an denen wir durchatmen können. Menschen, bei denen wir nicht funktionieren müssen. Momente, in denen niemand etwas von uns erwartet. Vielleicht denken manche, das sei Realitätsflucht. Ich sehe das anders. Für mich ist es Selbstschutz. Denn wenn ich selbst innerlich kaputtgehe, wem helfe ich dann noch? Weder meinem Mann, noch meinem Unternehmen, noch meinen Mitarbeiterinnen, noch meinen Kundinnen.
Ich kann nur etwas geben, wenn ich selbst noch Kraft habe. Und genau deshalb erlaube ich mir inzwischen ganz bewusst, auch einmal nichts von der Welt wissen zu wollen. Nicht, weil sie mir egal ist. Sondern weil ich sie sowieso nicht an einem Abend verändern kann. Ich kann aber entscheiden, wie ich mit meinem eigenen Leben umgehe. Ich kann entscheiden, ob ich den Abend mit schlechten Nachrichten verbringe oder mit einem Glas Wein auf der Terrasse. Ich kann entscheiden, ob ich mich von Hass anstecken lasse oder lieber mit Menschen Zeit verbringe, die mir guttun. Ich kann entscheiden, ob ich meine Energie in Dinge investiere, die ich verändern kann oder ob ich sie an Probleme verschwende, über die ich keine Kontrolle habe. Vielleicht ist das am Ende sogar eine Form von Mut.
In einer Zeit, in der alle immer lauter werden, entscheide ich mich manchmal ganz bewusst für die Stille.
In einer Zeit, in der überall Angst verkauft wird, suche ich nach kleinen Momenten von Normalität.
Und in einer Zeit, in der viele nur noch darüber sprechen, wie schlimm alles ist, möchte ich mir die Fähigkeit bewahren, trotzdem noch zu lachen, dankbar zu sein und mich an den kleinen Dingen zu freuen. Denn ich bin fest davon überzeugt, dass genau dort unsere Kraft entsteht. Nicht in der Angst. Nicht in der Wut. Sondern in den Menschen, die wir lieben, in unserem Zuhause, in einem ruhigen Abend und in dem Gefühl, dass wir trotz allem unser eigenes kleines Stück Frieden bewahren können.
Die Welt wird sich morgen wahrscheinlich nicht verändert haben. Aber ich kann jeden Tag neu entscheiden, wie viel von diesem Chaos ich in mein Herz hineinlasse. Und genau das ist vielleicht die wichtigste Entscheidung, die ich in diesen verrückten Zeiten treffen kann.
Und ich habe mich entschieden wen und was ich an mich ranlasse.
Eure Marlis. Für Karins Schwester. Aber am meisten für mich.
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