Was ist eigentlich eine Freundin?
Je älter ich werde, desto öfter stelle ich mir eine Frage, auf die es wahrscheinlich keine allgemeingültige Antwort gibt. Was ist eigentlich eine Freundin? Ist es jemand, den man jeden Tag sieht? Jemand, mit dem man ständig schreibt oder telefoniert? Jemand, der dieselben Hobbys hat, dieselben Ansichten vertritt und das Leben genauso lebt wie man selbst? Wenn ich auf mein eigenes Leben schaue, dann lautet die Antwort ganz klar nein. Denn meine engsten Freundinnen könnten unterschiedlicher kaum sein und genau deshalb sind sie für mich so wertvoll.
Ich habe irgendwann verstanden, dass Freundschaft nichts mit Gleichsein zu tun hat. Im Gegenteil. Die schönsten Freundschaften entstehen oft dort, wo zwei Menschen völlig unterschiedlich sind und trotzdem nie auf die Idee kommen, den anderen verändern zu wollen. Vielleicht ist genau das das Geheimnis. Nicht die Gemeinsamkeiten halten eine Freundschaft zusammen, sondern der Respekt vor den Unterschieden.
Eine meiner Freundinnen lebt fast neunhundert Kilometer von mir entfernt. Viele Menschen würden wahrscheinlich zuerst ihren Beruf sehen oder das, was sie in der Öffentlichkeit als Influencerin macht. Für mich spielt das überhaupt keine Rolle. Wenn wir miteinander sprechen, sehe ich nicht das, was andere sehen. Ich sehe einen Menschen, der mich zum Lachen bringt, der ehrlich ist, der zuhören kann und der genau weiß, wie ich ticke. Wir müssen uns nicht jede Woche sehen und wir müssen uns auch nicht jeden Tag schreiben. Trotzdem weiß ich, dass sie da ist. Diese Gewissheit ist viel mehr wert als hundert belanglose Nachrichten am Tag. Sie berät mich in vielen Dingen und ist immer für mich da, plant mit mir im Kopf Dinge und wägt mit mir die unmöglichsten Situationen ab. Sie lebt mit ihrem Mann, genau wie ich, in einer ausgeglichenen und verständnisvollen, starken Beziehung. Im Prinzip kann ich wirklich sagen: egal wie viele Sorgen sie selber hat, sie kümmert sich wirklich rührend um mich, wenn ich merke, ich verliere mal wieder den Halt. Das ist für mich ein absolut außergewöhnlicher Charakterzug. Immer da. Immer 100%. Für ihren Partner, für ihre Familie, für ihre Freunde, für mich.
Meine andere Freundin lebt ein völlig anderes Leben als ich und gleichzeitig gibt es etwas, das uns verbindet. Wir haben beide keine Kinder. Nicht, weil das Freundschaft ausmacht, sondern weil wir dadurch manche Lebensphasen und Entscheidungen des anderen vielleicht leichter verstehen. Trotzdem sind wir in vielen Dingen grundverschieden. Glitzer ist überhaupt nicht ihre Welt, Mode war lange nicht das Wichtigste in ihrem Leben und trotzdem interessiert sie sich ehrlich für das, was ich mache. Sie hört mir zu, freut sich mit mir und stellt Fragen, obwohl sie selbst ganz andere Leidenschaften hat. Sie ist für mich die beste Hundemama, die ich kenne. Ihre beiden Hunde sind Familie. Wenn ich sehe, mit wie viel Liebe und Fürsorge sie sich um die beiden kümmert, geht mir jedes Mal das Herz auf. Gemeinsam mit ihrem Mann reist sie mit dem Van quer durch Europa, entdeckt neue Länder, kleine Orte und Geschichten, von denen ich oft nur die Fotos sehe. Wahrscheinlich hat sie inzwischen mehr von dieser Welt gesehen als ich.
Und trotzdem finden wir uns immer wieder. Ich erzähle ihr begeistert von Karins Schwester, von neuen Ideen, von Visionen und manchmal auch von meinen Sorgen. Sie erzählt mir von ihren Reisen, ihren Hunden und den kleinen Momenten unterwegs, die man nicht planen kann. Keine von uns versucht, die andere für ihre Welt zu gewinnen. Wir freuen uns einfach ehrlich darüber, dass die andere ihren eigenen Weg gefunden hat. Vielleicht ist genau das Freundschaft.
Vielleicht ist genau das der größte Unterschied zwischen Bekanntschaften und echten Freundschaften. Bekanntschaften erwarten oft etwas. Sie erwarten, dass man sich häufiger meldet, dass man genauso denkt, dass man Entscheidungen erklärt oder sich rechtfertigt. Eine echte Freundin erwartet das alles nicht. Sie nimmt dich, wie du bist. Mit deinen Macken, deinen Stärken, deinen Schwächen und auch mit deinen verrückten Ideen.
Ich glaube sogar, dass viele Freundschaften heute daran scheitern, dass Menschen glauben, sie müssten den anderen verändern. Da wird bewertet, kritisiert und verbessert. Warum machst du das so? Warum bist du so? Warum ziehst du das an? Warum arbeitest du so viel? Warum reist du so wenig? Warum reist du so viel? Waaas - Du willst/hast keine Kinder???
Irgendwann besteht eine Freundschaft nur noch aus Erwartungen. Für mich hat das mit Freundschaft nichts mehr zu tun. Oder einfach nur echtes Interesse so wie dieser eine banale, eine Frage: "Wie geht es eigentlich Dir, Marlis?"
Meine Freundinnen lassen mich einfach sein. Sie wissen, dass ich meinen Beruf liebe. Mein Beruf meine Berufung ist, mein Herzblut. Sie wissen, dass Karins Schwester alles für mich ist, viel mehr ist als ein Geschäft. Es ist mein wachsendes Unternehmen. Sie wissen, dass ich manchmal völlig in meiner Arbeit versinke und dass ich nicht jeden Tag stundenlang telefoniere oder schreibe. Und wisst ihr was? Keine von ihnen macht mir deshalb ein schlechtes Gewissen.
Genauso wenig erwarte ich von ihnen, dass sie ihr Leben nach meinen Vorstellungen führen. Die eine liebt die Mode, die andere ihre Hunde und jede von ihnen hat ihren eigenen Alltag. Genau das finde ich wunderschön. Ich möchte keine Kopie von mir als Freundin haben. Wie langweilig wäre das denn? Ich möchte Menschen um mich haben, die mir neue Perspektiven zeigen, die andere Erfahrungen machen und deren Geschichten mein eigenes Leben bereichern. Von denen ich lernen kann.
Wir hören uns manchmal wochenlang nicht. Nicht, weil wir uns vergessen hätten. Sondern weil jeder sein eigenes Leben lebt. Arbeit, Familie, Verpflichtungen und manchmal einfach das Bedürfnis nach Ruhe. Aber wenn das Telefon klingelt oder wir uns endlich wiedersehen, dann fühlt sich nichts fremd an. Es gibt kein Aufrechnen, kein schlechtes Gewissen und keine Vorwürfe. Wir steigen einfach wieder dort ein, wo wir beim letzten Mal aufgehört haben. Genau das ist für mich echte Freundschaft.
Ich habe in meinem Leben viele Menschen kennengelernt. Manche waren nur für eine kurze Zeit da, andere sind geblieben. Mit den Jahren wird der Kreis kleiner, aber gleichzeitig wertvoller. Heute brauche ich keine zwanzig Freundinnen mehr. Ich brauche keine Menschen, die nur da sind, solange alles leicht ist. Ich brauche auch niemanden, der mir ständig sagt, was ich besser machen könnte. Ich brauche Menschen, bei denen ich ankommen darf. Und ich habe meine Freiheit zu entscheiden, wer gut tut und wer nicht.
Vielleicht ist das überhaupt die schönste Definition von Freundschaft.
Ankommen.
Ohne Maske.
Ohne Rolle.
Ohne Erwartungen.
Einfach so, wie man ist.
Wenn ich müde bin, darf ich müde sein. Wenn ich glücklich bin, freuen sie sich ehrlich mit mir. Wenn ich traurig bin, muss ich mich nicht verstellen. Wenn ich Erfolg habe, klatschen sie, ohne sich selbst kleiner zu fühlen. Und wenn ich einmal zweifle, erinnern sie mich daran, wer ich bin.
Ich glaube, das ist in einer Zeit, in der so vieles oberflächlich geworden ist, unbezahlbar. Freundschaft misst sich nicht an Likes, nicht an gemeinsamen Selfies und nicht daran, wie oft man sich sieht. Freundschaft zeigt sich in den kleinen Momenten. In einer Nachricht genau dann, wenn man sie braucht. In einem ehrlichen Lachen. In einem langen Gespräch mitten in der Nacht. In einer Umarmung ohne viele Worte. Und manchmal einfach in dem beruhigenden Gefühl zu wissen, dass es irgendwo Menschen gibt, die einen genauso mögen, wie man ist.
Wenn mich heute jemand fragt, was eine Freundin für mich ist, dann denke ich nicht an gleiche Interessen, gleiche Meinungen oder gleiche Lebenswege. Ich denke an wunderbare Frauen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und die mir jeden Tag zeigen, dass wahre Freundschaft niemals verlangt, ein anderer Mensch zu werden. Sie schenkt dir etwas viel Wertvolleres. Sie gibt dir die Freiheit, genau der Mensch zu bleiben, der du schon immer warst.
Meine Freiheit.
Marlis
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