Warum manche Menschen niemals zufrieden sein werden
Also. Ich muss euch heute mal wirklich meine aktuellen Gedanken aufschreiben. Es ist schon krass geworden. Da draußen in unserer Welt… Reden wir mal wieder über Menschen. Wie fast jede Woche und oft zum Kopf schütteln. Manche Menschen finden überall etwas Schönes. Andere finden überall einen Grund zur Beschwerde. Je älter ich werde, desto mehr glaube ich: Das sagt weniger über die Welt aus als über den Menschen, der sie betrachtet.
Diese Erkenntnis kam nicht über Nacht. Sie kam durch viele Jahre im Einzelhandel bei Karins Schwester, durch tausende Gespräche und Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen. Mit Kundinnen, die sich ehrlich freuen können, die mit einem Lächeln durch den Laden gehen, sich inspirieren lassen und die schönen Dinge sehen. Aber eben auch mit Menschen, die selbst in den angenehmsten Situationen noch etwas finden, worüber sie sich beschweren können.
Vor Kurzem hatte ich wieder so einen Moment. Der Laden war voll. Richtig voll. Es war einer dieser Tage, an denen überall Menschen stehen, anprobieren, Fragen haben, beraten werden möchten und man als Team einfach arbeitet. Nicht gestresst, nicht hektisch, sondern konzentriert. Meine Mitarbeiterinnen waren im Gespräch mit Kundinnen, ich war im Gespräch mit Kundinnen, alle hatten zu tun. Zwischendurch fiel mir eine Dame auf, die mit ihrer Begleitung durch den Laden ging. Sie unterhielten sich, schauten sich um, wirkten entspannt und hatten offensichtlich Zeit. Nichts deutete darauf hin, dass irgendetwas nicht in Ordnung wäre.
Als sie den Laden verließ, kam dann die Bemerkung, sie würde nichts kaufen, weil sie sich nicht willkommen gefühlt habe. Man habe sie nicht begrüßt. Und ich stand da für einen Moment und dachte nur: Wirklich? Da stehen Menschen im Laden, die gerade arbeiten, beraten und ihr Bestes geben, während zahlreiche andere Kundinnen im Geschäft sind, und ausgerechnet die Tatsache, dass nicht innerhalb weniger Sekunden jemand „Hallo“ gesagt hat, wird zum entscheidenden Problem des Tages.
Früher hätte mich so etwas wahrscheinlich tagelang beschäftigt. Heute sehe ich darin etwas anderes. Ich glaube nämlich, dass manche Menschen längst entschieden haben, wie sie die Welt sehen möchten, und anschließend nach Beweisen dafür suchen. Wer überzeugt ist, dass alle unfreundlich sind, wird Unfreundlichkeit finden. Wer überzeugt ist, dass niemand mehr Respekt hat, wird Respektlosigkeit entdecken. Wer überzeugt ist, dass alles schlechter wird, wird täglich neue Bestätigungen sammeln. Es ist fast so, als würden manche Menschen mit einer Lupe durch ihr Leben laufen und ausschließlich nach Fehlern suchen.
Dabei ist die Welt voller Dinge, über die man sich freuen könnte. Aber Freude scheint für viele deutlich anstrengender geworden zu sein als Kritik. Man merkt das überall. Im Internet sowieso. Dort wird aus jeder Kleinigkeit ein Drama. Ein falsches Wort, ein Foto, eine Meinung oder eine Situation, die nicht exakt den eigenen Erwartungen entspricht. Irgendjemand fühlt sich garantiert gestört, irgendjemand ist garantiert empört und irgendjemand findet garantiert einen Grund, warum etwas nicht gut genug war.
Manchmal habe ich das Gefühl, wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen förmlich darauf warten, enttäuscht zu werden. Vielleicht liegt es an den letzten Jahren, an den Krisen, an wirtschaftlichen Sorgen oder an der allgemeinen Stimmung. Vielleicht sind viele einfach müde geworden. Aber müde Menschen werden oft kleinlicher. Sie werden empfindlicher, ungeduldiger und härter. Nicht nur mit anderen, sondern auch mit sich selbst.
Das Tragische daran ist, dass diese Haltung das Leben nicht besser macht. Im Gegenteil. Wer ständig nach Fehlern sucht, findet sie. Wer ständig nach Problemen sucht, findet sie ebenfalls. Wer ständig darauf wartet, dass etwas schiefläuft, wird früher oder später Recht behalten, denn natürlich läuft im Leben nicht alles perfekt. Aber genau darin liegt doch die entscheidende Frage: Worauf richte ich meinen Blick? Sehe ich die neun Dinge, die funktioniert haben, oder konzentriere ich mich ausschließlich auf das eine, das nicht perfekt war?
Ich beobachte das nicht nur bei Kundinnen. Ich sehe es überall. Menschen fahren in den Urlaub und beschweren sich über das Wetter. Sie kaufen ein neues Auto und ärgern sich über einen winzigen Kratzer. Sie bekommen Hilfe und beklagen die Art, wie sie geholfen wurden. Sie erreichen ein Ziel und denken sofort an das nächste Problem. Zufriedenheit scheint für viele kein Zustand mehr zu sein, sondern etwas, das immer erst morgen kommt. Nach dem Urlaub, nach der Gehaltserhöhung, nach dem Haus, nach dem nächsten großen Ziel. Und genau deshalb erreichen sie sie nie.
Denn Zufriedenheit hat viel weniger mit äußeren Umständen zu tun, als wir glauben. Natürlich machen Gesundheit, Sicherheit und Erfolg vieles leichter. Aber die grundsätzliche Haltung bringt jeder Mensch selbst mit. Manche Menschen finden in einer grauen Straße eine Blume. Andere finden in einem Blumenladen etwas, worüber sie sich beschweren können.
Ich merke jedenfalls, dass ich immer weniger Energie dafür habe, Menschen überzeugen zu wollen. Wer nur das Schlechte sehen möchte, wird es sehen. Wer nur Fehler sucht, wird welche finden. Wer unzufrieden sein möchte, findet jeden Tag neue Gründe dafür. Das darf jeder für sich selbst entscheiden.
Ich habe für mich eine andere Entscheidung getroffen. Ich möchte meine Zeit lieber mit den Menschen verbringen, die sich freuen können. Mit denen, die lachen, Verständnis haben und sehen, dass hinter einem Geschäft Menschen stehen. Mit denen, die wissen, dass niemand perfekt ist und die trotzdem etwas Schönes entdecken. Denn am Ende ist das Leben viel zu kurz, um ständig nach Gründen zu suchen, warum etwas nicht gut genug war.
Wer mit schlechter Laune auf Schatzsuche geht, wird am Ende trotzdem nur Probleme finden. Wer mit offenen Augen unterwegs ist, entdeckt vielleicht etwas viel Wertvolleres: einen guten Moment, ein nettes Gespräch oder eine schöne Begegnung. Und manchmal reicht genau das schon aus, um einen Tag zu einem guten Tag zu machen.
Also, dann wollen wir mal in die neue Woche starten. Bin gespannt, was sie mit sich bringt. Ich werde Euch berichten.
Marlis. Für Karins Schwester.
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