Warum ich die Welt gerade bewusst leiser stelle

Ich weiß nicht, ob es nur mir so geht, aber ich habe das Gefühl, dass die Welt gerade ein Stück weit aus den Fugen gerät. Jeden Tag passiert irgendwo etwas, das einen fassungslos macht. Nachrichten überschlagen sich, Krisen wechseln sich im Wochentakt ab, in den sozialen Medien wird diskutiert, verurteilt und gestritten, als gäbe es nur noch Schwarz oder Weiß. Jeder hat eine Meinung, jeder glaubt, sie laut aussprechen zu müssen, und jeder erwartet scheinbar, dass alle anderen sofort darauf reagieren. Irgendwann habe ich gemerkt, dass mich das müde macht. Nicht körperlich, sondern im Kopf. Es ist eine Müdigkeit, die entsteht, wenn man ständig erreichbar ist, ständig Informationen aufnimmt und ständig das Gefühl hat, auf alles reagieren zu müssen.

Früher dachte ich, Offenheit wäre immer die richtige Antwort. Möglichst vielen Menschen zuhören, möglichst viele Meinungen verstehen, immer erreichbar sein und jedem das Gefühl geben, dass seine Sorgen und Probleme wichtig sind. Heute sehe ich das anders. Nicht, weil ich kälter geworden bin, sondern weil ich verstanden habe, dass meine Energie endlich ist. Ich kann sie nur einmal am Tag ausgeben. Und ich habe beschlossen, sie nicht mehr dort zu verschwenden, wo sie am Ende nichts verändert, sondern dort einzusetzen, wo sie wirklich etwas bewirken kann.

Deshalb ist mein Kreis kleiner geworden. Viel kleiner. Ich verbringe meine Zeit heute am liebsten mit meiner Familie und mit den wenigen Menschen, denen ich wirklich vertraue. Nicht mit denen, die nur auftauchen, wenn sie etwas brauchen, sondern mit denen, die auch da sind, wenn es nichts zu holen gibt. Mit Menschen, bei denen ich keine Rolle spielen muss, die mich kennen, wie ich wirklich bin, und die mich auch dann mögen, wenn ich einmal einen schlechten Tag habe. Diese Gespräche geben mir Kraft. Sie nehmen sie mir nicht.

Auch im Unternehmen hat sich meine Einstellung verändert. Früher habe ich versucht, es allen recht zu machen. Heute konzentriere ich mich auf das, was wirklich zählt. Mein Team. Unsere Kunden. Unsere gemeinsame Vision. Alles andere ist Hintergrundrauschen geworden. Wir arbeiten jeden Tag daran, etwas Schönes aufzubauen. Wir investieren Herzblut, Zeit und unglaublich viel Energie in Karins Schwester. Warum sollten wir zulassen, dass Menschen, die weder Verantwortung tragen noch unseren Weg kennen, uns davon abbringen?

Wir blockieren heute auf Instagram konsequenter als jemals zuvor. Und wisst ihr was? Es fühlt sich richtig an. Früher habe ich mir eingeredet, man müsse jede Kritik aushalten und jede Diskussion führen. Heute weiß ich, dass das nicht stimmt. Es gibt einen großen Unterschied zwischen konstruktiver Kritik und Menschen, die einfach nur Unruhe stiften wollen. Zwischen ehrlichen Fragen und Provokationen. Zwischen Interesse und schlechter Energie. Und genau deshalb fliegt bei uns inzwischen jeder raus, der nur kommt, um schlechte Stimmung zu verbreiten. Ohne Diskussion. Ohne Rechtfertigung. Ohne schlechtes Gewissen.

Manche nennen das empfindlich. Ich nenne es Selbstschutz.

Ich habe keine Verpflichtung, jedem Menschen Zugang zu meiner Zeit, meiner Aufmerksamkeit oder meiner Energie zu geben. Nur weil jemand mir schreiben kann, bedeutet das nicht, dass ich antworten muss. Nur weil jemand eine Meinung hat, bedeutet das nicht, dass sie Platz in meinem Leben bekommen muss. Diese Erkenntnis war für mich unglaublich befreiend.

Ich habe auch angefangen, die Nachrichten aus der Welt jetzt ganz anders zu konsumieren. Natürlich informiere ich mich. Natürlich interessiert mich, was in der Welt passiert. Aber ich muss nicht jede Eilmeldung lesen. Ich muss nicht jede Talkshow verfolgen. Ich muss nicht jeden Konflikt bis ins kleinste Detail analysieren. Denn am Ende merke ich, dass ich vieles davon gar nicht beeinflussen kann. Warum sollte ich also zulassen, dass Dinge, die tausende Kilometer entfernt passieren oder Diskussionen, die nur Empörung erzeugen sollen, meine Stimmung bestimmen?

Ich glaube, wir leben in einer Zeit, in der Aufmerksamkeit zur wertvollsten Währung geworden ist. Jeder möchte sie haben. Nachrichten möchten sie. Soziale Medien möchten sie. Menschen möchten sie. Unternehmen möchten sie. Alle kämpfen um unsere Gedanken. Alle wollen, dass wir klicken, kommentieren, reagieren und diskutieren. Aber kaum jemand fragt, was das mit uns macht.

Ich merke inzwischen sehr genau, wann Menschen mir Energie geben und wann sie sie mir nehmen. Früher habe ich solche Begegnungen oft ausgehalten. Heute nicht mehr. Es gibt Menschen, die kommen in einen Raum und bringen Leichtigkeit mit. Nach einer Stunde mit ihnen fühlt man sich besser als vorher. Und dann gibt es die anderen. Die Energievampire. Menschen, bei denen jedes Gespräch nur aus Problemen besteht. Die immer etwas finden, das nicht funktioniert. Die jede gute Nachricht klein reden. Die ständig Drama im Leben brauchen, weil Ruhe für sie langweilig ist. Früher wollte ich helfen. Heute gehe ich weiter.

Das klingt vielleicht hart. Aber ich habe verstanden, dass ich niemanden retten kann, der gar nicht gerettet werden möchte. Manche Menschen suchen keine Lösung. Sie suchen ein Publikum. Und ich habe beschlossen, dieses Publikum nicht mehr zu sein.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich älter geworden bin. Mit den Jahren versteht man, dass Zeit nicht unendlich ist. Jeder Tag, den ich mit negativen Gedanken verbringe, ist ein Tag, den ich nie wieder zurückbekomme. Jeder Abend, an dem ich mich über Menschen ärgere, die mein Leben eigentlich gar nicht bereichern, ist verschenkte Lebenszeit. Und genau deshalb treffe ich heute bewusst Entscheidungen. Für Ruhe. Für Klarheit. Für Menschen, die mir guttun.

Ich habe aufgehört, überall dabei sein zu wollen. Ich muss nicht jede Einladung annehmen. Ich muss nicht auf jede Nachricht sofort reagieren. Ich muss nicht ständig verfügbar sein. Wer mich kennt, weiß, dass ich arbeite, wenn ich arbeite, und dass ich meine freie Zeit inzwischen sehr bewusst schütze. Früher hatte ich dabei manchmal ein schlechtes Gewissen. Heute empfinde ich es als Verantwortung mir selbst gegenüber.

Vielleicht brauchen wir gerade alle wieder ein bisschen mehr Rückzug. Weniger Lärm. Weniger Diskussionen. Weniger Menschen, die ungefragt ihre Probleme bei uns abladen. Mehr echte Gespräche. Mehr Familie. Mehr Freunde, die einem guttun. Mehr Konzentration auf das, was wir tatsächlich beeinflussen können.

Ich kann die Welt nicht verändern. Ich kann keine Krisen beenden und keine gesellschaftlichen Probleme alleine lösen. Aber ich kann entscheiden, wie ich meinen Alltag gestalte. Ich kann entscheiden, wem ich meine Aufmerksamkeit schenke. Ich kann entscheiden, welche Menschen einen Platz in meinem Leben bekommen. Und ich kann entscheiden, dass mein Unternehmen ein Ort bleibt, an dem Respekt, Zusammenhalt und positive Energie wichtiger sind als der nächste sinnlose Streit im Internet.

Genau deshalb stelle ich die Welt für mich gerade ein bisschen leiser. Nicht aus Angst. Nicht, weil ich aufgegeben habe. Sondern weil ich meine Kraft dort einsetzen möchte, wo sie wirklich etwas bewegt. Bei meiner Familie. Bei meinen engsten Freunden. Bei meinem Team. Bei Karins Schwester. Alles andere darf gerade einfach an mir vorbeiziehen. Und wisst ihr was? Seit ich das so mache, schlafe ich besser, arbeite konzentrierter, lache wieder häufiger und merke jeden Tag aufs Neue, dass nicht die lautesten Stimmen die wichtigsten sind, sondern die wenigen Menschen, die einem in einer immer lauteren Welt das Gefühl geben, endlich wieder zu Hause zu sein.

Marlis. Für Karins Schwester.


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