War das Zufall? Oder war es einfach Arbeit?
Manchmal sitze ich da und höre Menschen über andere reden. Über Unternehmer. Über Künstler. Über Leute, die sich etwas aufgebaut haben. Über Menschen, die ihren eigenen Weg gegangen sind. Und erstaunlich oft fällt dabei ein Wort: Zufall.
„Die hatte halt Glück.“
„Das war der richtige Zeitpunkt.“
„Die ist halt zufällig erfolgreich geworden.“
Ich finde das faszinierend.
Nicht, weil ich glaube, dass es keinen Zufall gibt. Natürlich gibt es ihn. Es gibt Begegnungen, die unser Leben verändern. Chancen, die sich plötzlich auftun. Menschen, die uns Türen öffnen. Es gibt glückliche Fügungen, die niemand planen kann.
Aber was mich immer wieder wundert, ist die Leichtigkeit, mit der manche Menschen jahrelange Arbeit zu einem einzigen Wort zusammenfassen: Zufall.
Als hätte sich alles einfach so ergeben.
Als wäre eines Morgens eine gute Fee vorbeigekommen und hätte gesagt: „Herzlichen Glückwunsch, hier sind 41.000 Instagram-Follower, ein Unternehmen, eine Community und ein Onlineshop. Viel Spaß damit.“
Wenn das so einfach wäre, würden es vermutlich deutlich mehr Menschen tun.
Ich denke oft darüber nach, warum Menschen so gerne an Zufall glauben.
Vielleicht, weil die Alternative unangenehm ist. Denn wenn Erfolg Zufall ist, muss niemand sein eigenes Leben hinterfragen.
Wenn die andere einfach Glück hatte, dann kann ich auf meinem Sofa sitzen bleiben.
Wenn die andere nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, dann muss ich mich nicht fragen, warum ich nie losgelaufen bin.
Wenn die andere einfach einen glücklichen Treffer gelandet hat, dann muss ich mich nicht mit meinen eigenen Ausreden beschäftigen.
Zufall ist bequem. Arbeit ist unbequem.
Ich kann nur für mich sprechen.
Nichts an Karins Schwester war Zufall.
Die Idee vielleicht.
Aber alles danach ganz bestimmt nicht.
Die meisten Menschen sehen heute die schönen Fotos.
Sie sehen die bunten Schaufenster.
Sie sehen die Pakete.
Die Veranstaltungen.
Die Community.
Die Follower.
Die Bilder.
Die Reisen.
Die Produkte.
Das Ergebnis.
Was sie nicht sehen, sind die tausenden kleinen Entscheidungen, die niemand fotografiert.
Die Sonntage am Laptop.
Die Abende, an denen man weitermacht, obwohl man keine Lust mehr hat.
Die Rechnungen.
Die Sorgen.
Die schlaflosen Nächte.
Die Momente, in denen man sich fragt, ob das alles überhaupt funktioniert.
Sie sehen nicht die Jahre, in denen man investiert, bevor irgendjemand klatscht.
Und genau das ist der Teil, über den selten gesprochen wird.
Menschen lieben Ergebnisse.
Sie interessieren sich selten für Prozesse.
Jeder möchte die Ernte sehen.
Kaum jemand interessiert sich für das Säen.
Dabei besteht das Leben überwiegend aus Säen.
Aus Wiederholen.
Aus Dranbleiben.
Aus Dingen tun, auf die man heute keine Lust hat, damit man morgen dort ankommt, wo man hinmöchte.
Ich habe in meinem Leben in verschiedenen Ländern gelebt.
Ich habe in Großstädten gearbeitet.
Ich habe Menschen kennengelernt, die unglaublich erfolgreich waren. Und weißt du, was diese Menschen gemeinsam hatten?
Sie haben einfach angefangen.
Nicht perfekt.
Nicht mit einem Masterplan.
Nicht mit einer Kristallkugel.
Sondern mit dem Mut, den ersten Schritt zu machen.
Während andere noch diskutierten.
Während andere noch analysierten.
Während andere noch Gründe suchten, warum etwas nicht funktioniert.
Sie haben gemacht.
Das klingt spektakulär unspektakulär.
Ist aber vermutlich einer der größten Unterschiede überhaupt. Denn die meisten Ideen scheitern nicht an der Idee. Sie scheitern daran, dass niemand ins Handeln kommt.
Viele Menschen verbringen ihr Leben damit, über Möglichkeiten nachzudenken.
Wenige verbringen es damit, Möglichkeiten auszuprobieren.
Natürlich macht man Fehler.
Natürlich trifft man falsche Entscheidungen.
Natürlich kauft man manchmal die falsche Ware ein.
Natürlich startet man Projekte, die nicht funktionieren.
Natürlich vertraut man den falschen Menschen.
Natürlich gibt es Rückschläge.
Wer etwas anderes behauptet, hat vermutlich nie ein Unternehmen aufgebaut.
Aber Fehler sind kein Beweis dafür, dass etwas nicht funktioniert.
Sie sind meistens nur der Eintrittspreis für Erfahrung. Und Erfahrung bekommt man nicht durch Zuschauen. Man bekommt sie nur durch Tun. Vielleicht stört mich deshalb dieses Wort Zufall manchmal so sehr.
Weil es all die Stunden ausblendet, die niemand gesehen hat.
Weil es so tut, als wären Ergebnisse vom Himmel gefallen.
Weil es die Arbeit unsichtbar macht.
Weil es die Disziplin ignoriert.
Und weil es oft eine elegante Möglichkeit ist, den eigenen Anteil an der eigenen Situation nicht anschauen zu müssen. Dabei ist die Wahrheit meistens viel langweiliger.
Die meisten Menschen, die ich bewundere, sind keine Genies.
Sie sind keine Wunderkinder.
Sie sind keine Glückspilze.
Sie sind einfach beharrlich.
Sie stehen wieder auf.
Immer wieder.
Während andere längst aufgehört haben.
Während andere sich bereits die nächste Ausrede zurechtgelegt haben.
Während andere erklären, warum etwas unmöglich ist.
Sie machen weiter.
Und irgendwann sieht das von außen wie Erfolg aus.
Dann beginnt das große Rätselraten.
„Wie hat sie das geschafft?“
„Was war ihr Geheimnis?“
„Welchen Trick hat sie angewendet?“
Meistens gibt es keinen Trick.
Das Geheimnis ist oft erschreckend banal.
Lange genug weitermachen.
Lange genug lernen.
Lange genug scheitern.
Lange genug aufstehen.
Lange genug an etwas glauben.
Das ist selten spektakulär.
Aber erstaunlich wirkungsvoll.
Deshalb lächle ich inzwischen, wenn jemand sagt, etwas sei Zufall gewesen.
Vielleicht war ein kleiner Teil tatsächlich Zufall.
Vielleicht war eine Begegnung Zufall.
Vielleicht war eine Gelegenheit Zufall.
Vielleicht war ein Moment Zufall.
Aber dass man diese Gelegenheit erkennt, ergreift und etwas daraus macht, das ist kein Zufall mehr. Das ist eine Entscheidung.
Und Entscheidungen treffen wir jeden Tag.
Deshalb glaube ich heute an etwas anderes.
Nicht an Glück.
Nicht an Zufall.
Nicht an magische Erfolgsformeln.
Ich glaube daran, dass sich Menschen oft viel weniger zutrauen, als eigentlich möglich wäre. Und ich glaube daran, dass viele Dinge, die von außen wie Glück aussehen, in Wirklichkeit das Ergebnis von Jahren sind, in denen jemand einfach nicht aufgegeben hat.
War es also Zufall? Vielleicht ein bisschen.
Aber meistens war es einfach Arbeit.
Richtig harte Arbeit.
Gruss und Kuss, Marlis
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