Verkauf mich nicht für dumm
Es gibt Menschen, die halten sich für wahnsinnig clever, obwohl sie eigentlich nur dreist sind. Sie erzählen dir irgendeinen Unsinn, drehen sich die Wahrheit so hin, wie sie gerade in ihre Geschichte passt, ändern im Nachhinein Vereinbarungen oder versuchen, irgendwo noch ein paar Euro mehr herauszuholen – und das wirklich Faszinierende daran ist, dass sie offenbar davon ausgehen, ihr Gegenüber würde es nicht merken.
Ich begegne solchen Menschen regelmäßig. Als Unternehmerin wahrscheinlich häufiger, als mir lieb ist, denn wenn man einen Laden hat, mit Lieferanten arbeitet, Handwerker beauftragt, Dienstleister bezahlt und jeden Tag mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun hat, bekommt man irgendwann einen ziemlich guten Blick dafür, wer einen Fehler gemacht hat und wer gerade versucht, einen für dumm zu verkaufen.
Und genau da liegt für mich ein gewaltiger Unterschied.
Fehler sind mir vollkommen egal. Jeder macht Fehler, ich selbstverständlich auch, und wenn jemand zu mir kommt und sagt: „Marlis, da habe ich Mist gebaut“, ist die Sache für mich meistens schon fast erledigt. Ich schätze Menschen sogar sehr, die den Arsch in der Hose haben, einen Fehler einfach zuzugeben.
Was ich überhaupt nicht leiden kann, sind Menschen, die mir eine Geschichte erzählen, von der wir beide wissen, dass sie nicht stimmt, und dabei auch noch glauben, ich würde ihnen den Quatsch abkaufen.
Das passiert sogar im Laden.
Da läuft eine Kundin mit dem Handy durch den Laden, hält es vor die Ware, tippt auf dem Bildschirm herum, geht zum nächsten Produkt und macht genau dasselbe wieder. Man sieht ziemlich eindeutig, was da passiert, also frage ich freundlich: „Fotografieren Sie gerade?“
„Nein.“
Ach so.
Natürlich nicht.
Du hältst dein Handy wahrscheinlich nur aus gesundheitlichen Gründen vor jedes einzelne Produkt und tippst dabei zufällig immer auf den Auslöser.
Und genau in solchen Situationen frage ich mich wirklich, was im Kopf meines Gegenübers gerade passiert. Denn über das Fotografieren könnte man reden. Vielleicht möchte jemand seiner Freundin etwas zeigen, vielleicht gefällt ihr etwas, vielleicht gibt es irgendeinen völlig nachvollziehbaren Grund. Aber wenn ich dich dabei erwische und du mir anschließend ins Gesicht sagst, dass du es nicht getan hast, obwohl wir beide genau wissen, dass es anders war, dann geht es plötzlich gar nicht mehr um ein Foto.
Dann geht es darum, dass du mich offensichtlich für bescheuert hältst.
Und das mag ich überhaupt nicht.
Dasselbe Spiel gibt es mit Lieferanten. Da werden Konditionen besprochen, Preise vereinbart und Zusagen gemacht, und einige Wochen später beginnt plötzlich die große Amnesie. Dann war alles angeblich anders gemeint, man habe sich missverstanden oder die Konditionen seien selbstverständlich ganz andere gewesen.
Nein.
Manchmal hat man sich nicht missverstanden.
Manchmal versucht einer einfach nur, sich im Nachhinein einen Vorteil zu verschaffen.
Und auch hier wäre mir die Wahrheit tausendmal lieber. Sag mir, dass du falsch kalkuliert hast. Sag mir, dass du den Preis nicht halten kannst. Sag mir, dass du die Konditionen ändern musst. Vielleicht gefällt mir das nicht und vielleicht kommen wir dann auch nicht zusammen, aber wenigstens weiß ich, mit wem ich es zu tun habe.
Was du allerdings nicht tun solltest, ist mir erzählen, dass wir etwas völlig anderes vereinbart hätten, wenn wir beide wissen, dass das nicht stimmt.
Ich kann nämlich zuhören. Ich kann lesen. Und, für manche Geschäftspartner offenbar besonders überraschend, ich kann sogar rechnen.
Bei Handwerkern wird es dann manchmal richtig interessant. Auch da möchte ich ausdrücklich sagen: Gute Arbeit darf gutes Geld kosten. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die wegen zwanzig Euro eine Rechnung auseinandernehmen und anschließend noch versuchen, den Preis herunterzuhandeln.
Aber ich merke sehr wohl, wenn eine Rechnung plötzlich eine erstaunliche Eigendynamik entwickelt.
Und nur weil ich nicht weiß, wie man eine Heizung repariert, eine Leitung verlegt oder irgendeine technische Anlage installiert, bedeutet das nicht automatisch, dass mein Gehirn gemeinsam mit dem Werkzeugkasten an der Eingangstür abgegeben wurde.
Wenn aus drei Stunden plötzlich sieben werden, aus einer Kleinigkeit eine Großbaustelle und aus einem ungefähr genannten Preis eine Rechnung, bei der mir kurz die Gesichtszüge entgleisen, dann frage ich nach.
Und wehe, ich bekomme anschließend irgendeine Geschichte serviert, die vorne und hinten nicht zusammenpasst.
Denn irgendwann habe ich eines gelernt: Es gibt Menschen, die Freundlichkeit mit Dummheit verwechseln.
Das ist ein Fehler.
Nur weil ich nicht sofort ausraste, heißt das nicht, dass ich nichts bemerkt habe. Nur weil ich eine Diskussion nicht führe, heißt das nicht, dass du recht hast. Und nur weil ich dir vielleicht sogar noch freundlich gegenüberstehe, bedeutet das nicht, dass ich innerlich nicht längst eine Entscheidung getroffen habe.
Denn bei einer Sache bin ich tatsächlich ziemlich konsequent.
Du kannst mich einmal bescheißen. Vielleicht gelingt es dir sogar. Vielleicht merke ich es erst später. Vielleicht habe ich keine Lust, wegen 100 oder 200 Euro einen riesigen Streit anzufangen. Vielleicht bezahle ich sogar deine Rechnung und du gehst nach Hause und denkst, dass du gerade ein ziemlich gutes Geschäft gemacht hast.
Dann freu dich darüber.
Denn ein zweites Mal passiert es nicht.
Und genau das verstehen manche Menschen im Geschäftsleben nicht. Sie sehen die 200 Euro, die sie heute zusätzlich verdient haben, aber nicht die 20.000 Euro Umsatz, die sie in den nächsten Jahren mit mir hätten machen können. Sie sehen ihren kleinen Triumph, aber nicht das Geschäft, das danach nie wieder zustande kommt.
Ich muss dafür übrigens keine große Szene machen. Ausrasten. Die Meinung geigen. Ich muss niemanden beschimpfen, keine dramatische Nachricht schreiben und keine Tür knallen. Das wäre mir viel zu anstrengend.
Ich sehe Dich einfach nicht mehr. Und gucke durch Dich durch.
Ich bestelle einfach nicht mehr.
Ich beauftrage dich nicht mehr.
Ich kaufe nicht mehr bei dir.
Und ich empfehle dich ganz sicher niemandem weiter.
Damit ist die Sache für mich erledigt.
Vielleicht ist das sogar härter als jeder Streit, denn beim Streit gibt es immerhin noch eine Beziehung. Man diskutiert, man ärgert sich, man versucht vielleicht sogar, die Sache wieder geradezubiegen. Wenn ich aber an dem Punkt angekommen bin, an dem ich dich einfach aus meinem geschäftlichen oder privaten Leben komplett streiche, gibt es meistens gar nichts mehr zu diskutieren.
Und deshalb finde ich dieses kurzfristige Denken so unglaublich dumm.
Du hast mich um 300 Euro beschissen?
Herzlichen Glückwunsch. Kauf dir etwas Schönes davon.
Wenn ich dir in den kommenden zehn Jahren 30.000 Euro Umsatz gebracht hätte, war es vielleicht trotzdem nicht das Geschäft deines Lebens.
Aber das wirst du wahrscheinlich nie erfahren.
Ich glaube ohnehin, dass sich Menschen beim Lügen und Bescheißen häufig maßlos überschätzen. Sie denken, der andere hätte nichts bemerkt, obwohl der andere manchmal lediglich beschlossen hat, dass ihm seine Lebenszeit zu schade ist, um sich mit einem Idioten zu streiten. Und einem schlicht Dummen.
Das ist ein ziemlich großer Unterschied.
Ich bin inzwischen an einem Punkt, an dem ich Ehrlichkeit unglaublich luxuriös finde. Menschen, bei denen man weiß, woran man ist. Lieferanten, die sagen, was Sache ist. Handwerker, die vernünftig abrechnen. Kunden, die einfach ehrlich antworten. Geschäftspartner, deren Wort morgen noch genauso viel wert ist wie heute.
Das macht das Leben so viel einfacher.
Du darfst hart verhandeln. Du darfst teuer sein. Du darfst Nein sagen. Du darfst deine Interessen vertreten und selbstverständlich versuchen, für dich das beste Geschäft herauszuholen.
Alles fein.
Aber erzähl mir keinen Scheiß.
Und vor allem: Verkauf mich nicht für dumm.
Denn wenn du es versuchst und ich es merke, hast du bei mir schon ziemlich schlechte Karten. Wenn es dir sogar gelingt, mich einmal übers Ohr zu hauen, werden sie nicht besser.
Dann hattest du deinen Moment. Genieß ihn.
Denn eines kann ich dir ziemlich sicher versprechen: Eine zweite Gelegenheit bekommst du bei mir nicht.
Hochachtungsvoll,
Marlis
Bild wurde mit KI erstellt.
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