Selbstbewusstsein ist keine Eigenschaft – es ist eine Entscheidung

Hi. Ich bin’s, Marlis. Ich habe sehr lange geglaubt, dass Selbstbewusstsein etwas ist, das andere Menschen einfach haben und ich mir irgendwie erarbeiten muss, so wie man sich ein schönes Zuhause einrichtet oder einen guten Stil entwickelt, Stück für Stück, mit Zeit, mit Erfahrung, mit dem richtigen Umfeld, und ich habe dabei komplett übersehen, dass ich mich in Wahrheit die ganze Zeit selbst ausgebremst habe, früher, weil ich darauf gewartet habe, mich irgendwann bereit zu fühlen, sicher, angekommen, stabil, und genau dieses Gefühl ist nie gekommen.

Was gekommen ist, war etwas ganz anderes.

Nämlich dieser Moment, in dem ich verstanden habe, dass ich mich entscheiden muss, ob ich weiterhin darauf warte, dass mir irgendjemand oder irgendetwas dieses Gefühl von Sicherheit gibt, oder ob ich einfach anfange, Dinge zu tun, obwohl ich mich nicht bereit fühle, obwohl ich Zweifel habe, obwohl ich genau weiß, dass es Menschen geben wird, die das kommentieren, bewerten, belächeln oder komplett zerreden.

Und genau da beginnt es. Damals. Genau damals hat es begonnen. 

Nicht bei Stärke, nicht bei Sicherheit, nicht bei diesem perfekten Auftreten, das man so gerne anderen zuschreibt, sondern bei dieser einen, ziemlich unbequemen Entscheidung, sich selbst nicht mehr klein zu machen, obwohl alles in einem sagt, dass es gerade einfacher wäre, genau das zu tun.

Ich sehe das so oft, nicht nur bei anderen, sondern auch bei mir selbst, dass wir uns zurücknehmen, dass wir Dinge nicht aussprechen, dass wir Chancen nicht greifen, dass wir Ideen im Kopf zerdenken, bis nichts mehr übrig bleibt außer diesem leisen „war vielleicht eh nichts“, und wenn man ehrlich ist, dann ist das kein Mangel an Fähigkeit, kein Mangel an Talent und ganz sicher kein Mangel an Möglichkeiten, sondern ganz oft einfach die Entscheidung, sich nicht zu zeigen.

Und diese Entscheidung fühlt sich im ersten Moment unglaublich vernünftig an.

Man nennt es dann Bescheidenheit, man nennt es Realismus, man nennt es Timing, man nennt es Rücksicht, und in Wahrheit ist es oft einfach Angst, nicht diese große dramatische Angst, sondern diese leise, konstante, unangenehme Angst davor, aufzufallen, bewertet zu werden, vielleicht auch falsch verstanden zu werden oder nicht gut genug zu sein.

Also bleibt man lieber ein bisschen unter dem Radar. Ein bisschen leiser. Ein bisschen angepasster.

Und wundert sich dann irgendwann, warum sich nichts verändert.

Mir ist es plötzlich aufgefallen, in einem meiner wirklich großen Jobs damals. Ich habe irgendwann aufgehört, mir einzureden, dass Selbstbewusstsein etwas ist, das ich irgendwann „haben werde“, wenn ich nur lange genug warte oder genug Erfahrung gesammelt habe oder genug Bestätigung bekomme, und habe stattdessen angefangen, mich bei ganz simplen Situationen zu fragen, ob ich mich gerade für mich entscheide oder gegen mich.

Das klingt banal, ist es aber nicht.

Weil diese Entscheidungen nicht laut sind, sie passieren im Alltag, ständig, in kleinen Momenten, in Gesprächen, in Gedanken, in Situationen, in denen niemand zuschaut und trotzdem alles entschieden wird.

Sage ich jetzt, was ich denke oder lasse ich es.
Gehe ich diesen Schritt, obwohl ich unsicher bin oder bleibe ich stehen.
Zeige ich mich, obwohl ich mich angreifbar fühle oder verstecke ich mich hinter irgendetwas, das gerade gut genug klingt, um nicht auffallen zu müssen.

Und genau da trennt es sich.

Nicht zwischen den „Selbstbewussten“ und den „Unsicheren“, sondern zwischen denen, die sich trauen, trotz Zweifel zu handeln, und denen, die warten, bis die Zweifel weg sind.

Die schlechte Nachricht ist: Die Zweifel gehen bei mir nie ganz weg.

Die gute Nachricht ist: Sie müssen auch nicht weggehen.

Ich habe irgendwann verstanden, dass Selbstbewusstsein nichts mit einem Gefühl zu tun hat, das plötzlich da ist und bleibt, sondern mit einer Haltung, die man sich selbst gegenüber einnimmt. Und diese Haltung ist nicht immer bequem, ganz im Gegenteil, sie fordert einen heraus, sie zwingt einen dazu, sich ehrlich anzuschauen, sie konfrontiert einen mit Dingen, die man vielleicht lieber ignorieren würde.

Und sie hat einen Preis.

Denn in dem Moment, in dem man aufhört, sich anzupassen, wird man sichtbar, und Sichtbarkeit bedeutet automatisch auch Reibung. Und diese Reibung ist nichts Abstraktes, sie ist konkret, sie zeigt sich in Blicken, in Kommentaren, in diesem leisen Unterton, der plötzlich mitschwingt, wenn man einen Raum betritt, sie zeigt sich darin, dass man nicht mehr überall reinpasst, dass Gespräche sich verändern, dass Menschen anfangen, sich zu positionieren, manchmal offen, manchmal hinter vorgehaltener Hand. Da habe ich dann die Situation: genau das ist der Punkt, an dem viele wieder einen Schritt zurückgehen, weil es unangenehm wird.

Weil es einfacher ist, wieder ein bisschen kleiner zu werden, wieder ein bisschen leiser, wieder ein bisschen angepasster, damit die Reibung verschwindet.

Aber genau damit verschwindet auch alles andere. 

Die Klarheit. Die Präsenz. Die Wirkung.

Und irgendwann auch das eigene Gefühl für sich selbst.

Ich habe gelernt, dass man sich entscheiden muss, was man aushalten kann.

Die Reibung im Außen oder das ständige Kleinhalten im Inneren. Beides gleichzeitig funktioniert nicht.

Und genau deshalb ist Selbstbewusstsein keine hübsche Eigenschaft, die man bewundert, sondern eine ziemlich klare, manchmal auch harte Entscheidung für ein Leben, das nicht für jeden bequem ist.

Nicht jeder wird das gut finden, nicht jeder wird das verstehen und manche werden genau das tun, was Menschen immer tun, wenn sie etwas sehen, das sie selbst nicht leben: sie reden darüber, sie werten es ab, sie machen es kleiner, als es ist, weil es für sie leichter ist, die Realität zu verzerren, als sich selbst zu hinterfragen.

Und das muss man aushalten.

Nicht weil man stark ist, sondern weil man sich entschieden hat, sich selbst ernst zu nehmen.

Das ist für mich der Kern.

Nicht dieses laute, perfekte, unangreifbare Selbstbewusstsein, das so oft verkauft wird, sondern dieses ruhige, klare Wissen, dass ich mich nicht mehr permanent relativiere, nicht mehr warte, nicht mehr zurücknehme, nur damit es für andere angenehmer ist.

Ich treffe die Entscheidungen. Nur ich als Marlis.

Nicht immer perfekt, nicht immer ohne Zweifel, ganz sicher nicht immer ohne Angst, aber ich treffe sie.

Und jedes Mal, wenn ich das tue, wird es ein kleines bisschen leichter, nicht weil plötzlich alles funktioniert, sondern weil ich mir selbst zeige, dass ich mich nicht mehr davon abhängig mache, wie sicher ich mich gerade fühle.

Selbstbewusstsein ist für mich kein Zustand, den man erreicht und dann abhaken kann.
Es ist etwas, das man sich jeden Tag neu erarbeitet, nicht durch große Gesten, sondern durch diese vielen kleinen Momente, in denen man sich entweder für sich selbst entscheidet oder eben nicht.

Und genau deshalb ist es keine Eigenschaft.

Es ist eine Entscheidung.

Und wenn man das einmal wirklich verstanden hat, dann kann man sich nicht mehr dahinter verstecken, dass man „einfach nicht so ist“.

Dann bleibt nur noch die Frage, die unangenehm ist, aber ehrlich:
Entscheide ich mich gerade für mich – oder wieder dagegen?

In Liebe Eure Marlis


1 Kommentar


  • Christiane

    Ehrlich, nachdenklich, kritisch, mutig und optimistisch 🙏🙏🙏
    Ich finde mich darin voll wieder mit allen Unsicherheiten und Zweifeln.
    Und gerade darum und damit :
    Haltung 💪💪
    Danke, liebe Marlis


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