Mode muss sich bewegen. Und wir uns mit ihr

Ich glaube, eines der Dinge, die mich an Mode schon mein ganzes Leben lang faszinieren, ist genau diese unglaubliche Fähigkeit, sich ständig neu zu erfinden, sich zu verändern, Dinge verschwinden zu lassen und sie Jahre später plötzlich wieder hervorzuholen, sie ein bisschen anders zu kombinieren, ihnen einen neuen Namen zu geben und uns damit tatsächlich das Gefühl zu vermitteln, wir hätten gerade etwas vollkommen Neues entdeckt, obwohl wir manches davon wahrscheinlich vor zwanzig oder dreißig Jahren schon einmal getragen haben.

Und genau das liebe ich daran, denn Mode steht niemals still, sie wartet nicht darauf, dass wir irgendwann bereit für etwas Neues sind, sondern sie bewegt sich einfach weiter, manchmal schneller, manchmal langsamer, manchmal in eine Richtung, bei der ich selbst erst einmal denke, um Gottes willen, das kann doch unmöglich wiederkommen und ein halbes Jahr später sehe ich genau diesen Trend plötzlich mit völlig anderen Augen und frage mich, warum ich eigentlich so sicher war, dass ich das niemals wieder tragen würde.

Wer lange genug Mode verkauft und sich jeden Tag damit beschäftigt, der weiß irgendwann sowieso, dass man mit dem Wort „niemals“ ausgesprochen vorsichtig sein sollte, denn irgendwann kommt fast alles wieder, die Schlaghose, Leo, große Sonnenbrillen, klobige Sneaker, Cord, bestimmte Taschenformen, Farben, die jahrelang niemand sehen wollte und selbst Dinge, bei denen eine ganze Generation geschworen hat, dass sie für immer verschwunden bleiben dürfen, stehen plötzlich wieder vor einem und sehen erstaunlicherweise überhaupt nicht mehr alt aus.

Vielleicht liegt genau darin die Magie von Mode, denn eigentlich geht es gar nicht darum, ständig etwas komplett Neues zu erfinden, sondern darum, Bekanntes neu zu sehen, Dinge anders miteinander zu kombinieren, einen Klassiker plötzlich in einen völlig anderen Zusammenhang zu setzen und damit aus etwas, das wir längst zu kennen glaubten, wieder etwas Spannendes zu machen.

Für mich persönlich war Mode deshalb auch noch nie einfach nur Kleidung, denn natürlich verkaufen wir Kleidung, Schuhe, Taschen, Schmuck und all diese wunderschönen Dinge, mit denen wir uns jeden Tag beschäftigen, aber dahinter steckt für mich viel mehr, weil Mode immer auch etwas mit Lebensgefühl, Veränderung, Mut, Erinnerung und vor allem mit Persönlichkeit zu tun hat.

Ich merke das bei mir selbst, denn auch mein eigener Geschmack ist heute nicht mehr derselbe wie vor zehn oder zwanzig Jahren, und das wäre ehrlich gesagt auch ziemlich traurig, weil ich doch heute ebenfalls nicht mehr dieselbe Frau bin, die ich damals war, ich habe andere Dinge erlebt, andere Länder gesehen, andere Menschen kennengelernt, andere Erfahrungen gemacht und natürlich verändert all das irgendwann auch den Blick darauf, was man schön findet und womit man sich wohlfühlt.

Genau deshalb kann ich mit diesen ganzen Regeln darüber, was Frauen ab einem bestimmten Alter angeblich noch tragen dürfen und was nicht, überhaupt nichts anfangen, denn ich möchte weder mit 47 plötzlich anfangen, mich unsichtbar zu machen, noch möchte ich irgendeinen Trend tragen, nur weil mir jemand erzählt, dass man ihn jetzt eben tragen muss, sondern ich möchte morgens in meinen Kleiderschrank schauen, etwas herausnehmen und mich darin einfach gut fühlen.

Wenn ich Lust auf Leo habe, dann trage ich Leo; wenn ich Lust auf Neon habe, dann darf es Neon sein; wenn ich morgen von Kopf bis Fuß Schwarz tragen möchte, dann mache ich genau das und wenn ich übermorgen plötzlich einen Stil großartig finde, über den ich gestern noch den Kopf geschüttelt habe, dann darf ich auch meine Meinung ändern, denn ich finde sowieso, dass wir uns im Leben viel zu selten erlauben, unsere Meinung zu ändern.

Diese Freiheit ist für mich eines der schönsten Dinge an Mode, weil wir uns mit ihr jeden einzelnen Tag ein kleines bisschen neu erfinden können, ohne deshalb unsere Persönlichkeit aufzugeben, denn sich neu zu erfinden bedeutet für mich eben nicht, ständig jemand anderes sein zu wollen, sondern immer wieder neue Seiten an sich selbst zu entdecken.

Genau so denke ich auch bei Karins Schwester, denn ich möchte keinen Laden und keinen Onlineshop haben, bei dem eine Kundin nach drei Monaten wieder vorbeischaut und eigentlich das Gefühl bekommt, dass seit ihrem letzten Besuch überhaupt nichts passiert ist, weil dieselben Dinge an denselben Stellen stehen und man schon beim Hereinkommen weiß, was einen erwartet.

Das wäre für mich der absolute Stillstand, und Stillstand passt weder zu Mode noch zu mir.

Ich möchte, dass man bei uns hereinkommt oder den Onlineshop öffnet und neugierig wird, dass man vielleicht etwas entdeckt, nach dem man überhaupt nicht gesucht hat, eine Marke sieht, die man noch nicht kannte, einen alten Klassiker wiederentdeckt, den man längst vergessen hatte oder bei irgendeinem völlig verrückten Teil hängen bleibt und plötzlich denkt, verdammt, eigentlich ist das genau meins.

Dieses Suchen und Entdecken ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum ich meinen Beruf trotz aller Schwierigkeiten im Handel immer noch so sehr liebe, denn ich könnte niemals einfach nur Ware bestellen, weil irgendeine Liste sagt, dass sich Produkt A gerade gut verkauft und wir deshalb davon möglichst viel ins Regal stellen sollten, sondern ich brauche dieses Gefühl beim Einkauf, diesen Moment, in dem ich etwas sehe und sofort denke: das ist Karins Schwester, das müssen wir haben, das werden unsere Schwestern lieben.

Natürlich liege ich damit manchmal daneben, denn wer behauptet, im Modehandel immer genau zu wissen, was funktionieren wird, erzählt meiner Meinung nach Märchen, aber genau dieses Risiko gehört dazu, weil man ansonsten irgendwann nur noch das macht, was garantiert funktioniert und wenn alle Händler nur noch das einkaufen, was garantiert funktioniert, sehen irgendwann auch alle Läden gleich aus.

Und genau das möchte ich nicht.

Ich möchte nicht das haben, was sowieso jeder hat, nur weil es gerade bequem zu verkaufen ist, sondern ich möchte Kultmarken neben neuen Entdeckungen, Evergreens neben Dingen, bei denen man vielleicht zweimal hinschauen muss, Retro neben Neuem und manchmal auch etwas völlig Unerwartetes, weil für mich genau aus dieser Mischung ein eigener Stil entsteht.

Gerade heute, wo wir jeden Tag auf Instagram, TikTok, Pinterest und überall sonst mit Trends, Neuheiten und vermeintlichen Must-haves bombardiert werden, finde ich es sogar wichtiger denn je, nicht jedem Trend blind hinterherzurennen, sondern sich aus diesem riesigen Angebot genau die Dinge herauszupicken, die zur eigenen Persönlichkeit passen.

Denn immer frisch zu bleiben bedeutet für mich nicht, alle drei Monate den kompletten Kleiderschrank auszutauschen, und es bedeutet schon gar nicht, alles wegzuwerfen, nur weil irgendwo beschlossen wurde, dass eine bestimmte Jeans jetzt angeblich nicht mehr modern ist, sondern es bedeutet vielmehr, offen zu bleiben, alte Lieblingsstücke neu zu kombinieren, einen Klassiker mit etwas völlig Neuem zusammenzubringen und manchmal genau dadurch einen Look zu schaffen, der viel spannender ist als jedes fertig vorgegebene Trendoutfit.

Vielleicht ist Mode deshalb auch ein ziemlich gutes Bild für das Leben selbst, denn auch dort können wir nicht irgendwann sagen, so, jetzt bin ich fertig, jetzt bleibe ich für die nächsten dreißig Jahre genau so, wie ich bin, denn das Leben verändert sich, Menschen verändern sich, Situationen verändern sich, Prioritäten verschieben sich und manchmal zwingt uns das Leben sogar dazu, einen Weg zu verlassen, von dem wir lange überzeugt waren, dass wir ihn für immer gehen würden.

Ich finde inzwischen, dass darin nichts Bedrohliches liegt, sondern im Gegenteil etwas unglaublich Befreiendes, denn wir dürfen uns verändern, wir dürfen Dinge anders sehen als früher, wir dürfen etwas loslassen, das einmal richtig für uns war, und wir dürfen uns neu erfinden, ohne deshalb verleugnen zu müssen, wer wir vorher gewesen sind.

Vielleicht liebe ich deshalb Mode so sehr, weil sie uns genau das jeden Tag vormacht.

Sie schaut zurück, nimmt etwas mit, lässt anderes liegen und geht trotzdem weiter.

Sie erfindet nicht jeden Tag die Welt komplett neu, aber sie betrachtet sie aus einem anderen Blickwinkel, und manchmal reicht schon dieser andere Blickwinkel, damit etwas plötzlich wieder spannend wird.

Genau so möchte ich auch Karins Schwester immer wieder neu erfinden, ohne dabei das zu verlieren, was uns ausmacht, denn natürlich dürfen sich unser Sortiment, unsere Marken, unsere Ideen, unsere Präsentation und vielleicht irgendwann noch ganz andere Dinge verändern, aber dieses Gefühl, dieses Entdecken, dieses ein bisschen Anderssein und dieses „Was haben die denn jetzt schon wieder gefunden?“ soll bleiben.

Denn ich glaube, das Schlimmste, was einem Unternehmen, einem Laden, einer Marke und vielleicht sogar einem Menschen passieren kann, ist Nicht-Veränderung.

Es ist, irgendwann aus Angst vor Veränderung stehenzubleiben.

Und solange ich noch Lust darauf habe, etwas Neues zu entdecken, solange ich mich über eine neue Marke freuen kann wie ein kleines Kind, solange ich einen alten Klassiker plötzlich wieder großartig finde und solange ich manchmal selbst über mich lachen muss, weil ich heute genau das trage, von dem ich vor ein paar Jahren noch behauptet habe, dass ich es niemals tragen werde, weiß ich, dass ich mir diese Neugier bewahrt habe.

Denn am Ende bedeutet Stil für mich nicht, immer gleich auszusehen, sondern sich verändern zu dürfen, Neues auszuprobieren, Altes wiederzuentdecken, manchmal komplett danebenzuliegen, am nächsten Morgen wieder von vorne anzufangen und bei all diesen Veränderungen trotzdem immer man selbst zu bleiben.

Und vielleicht ist genau das der Grund, warum ich Mode nach all den Jahren noch immer liebe.

Weil sie niemals fertig ist.

Genau wie wir.

In Liebe, Marlis

Bild wurde für den Artikel mit KI erstellt. 

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Bitte beachten Sie, dass Kommentare vor der Veröffentlichung freigegeben werden müssen

Diese Website ist durch hCaptcha geschützt und es gelten die allgemeinen Geschäftsbedingungen und Datenschutzbestimmungen von hCaptcha.