Marlis, wann kommst du zur Ruhe?
Diese Frage begleitet mich schon mein ganzes Leben. Nicht erst seit ich Unternehmerin bin. Nicht erst seit Karins Schwester gewachsen ist. Und auch nicht erst, seit von außen sichtbar ist, wie viel Energie in diesem Unternehmen steckt. Diese Frage hat mich schon früher begleitet, nur klang sie damals anders. Eher wie ein Stirnrunzeln, wenn ich wieder mehr wollte als nötig gewesen wäre. Oder wie ein leises Staunen darüber, dass ich nie zufrieden schien mit dem, was „doch eigentlich reicht“.
Ich glaube, man versteht mich nur, wenn man versteht, woher ich komme.
Ich komme aus einem sehr guten Haus. Nicht nur im materiellen Sinn, sondern viel wichtiger: im geistigen. In einem Zuhause, in dem Haltung wichtiger war als Status. In dem man aufrecht geht, Verantwortung übernimmt und sich nicht hinter anderen versteckt. Man verlässt sich nicht darauf, dass jemand anderes das eigene Leben trägt. Man steht für sich selbst ein. Man arbeitet. Man bleibt würdevoll.
Vielleicht habe ich genau das tief in mir gespeichert.
Ich hatte schon früh diesen Freiheitsdrang, dieses fast körperliche Bedürfnis nach Eigenständigkeit. Ich wollte nie in einer Situation sein, in der meine Sicherheit vom Wohlwollen eines anderen abhängt. Nicht finanziell. Nicht emotional. Nicht strukturell. Abhängigkeit war für mich nie romantisch. Sie war beengend.
Und vielleicht arbeite ich deshalb so, wie ich arbeite.
Karins Schwester ist nicht entstanden, weil ich ein bisschen selbstständig sein wollte. Es ist nicht aus Langeweile entstanden und auch nicht als nettes Projekt nebenbei. Ich habe gegründet, weil ich etwas Eigenes wollte. Etwas, das aus mir kommt. Etwas, das Substanz hat. Eine Marke mit Haltung, mit Stil, mit klarer Stimme.
Ein Unternehmen, das Frauen inspiriert, sichtbar ist, wächst und sich nicht entschuldigt für seinen Anspruch.
Dieses Unternehmen ist noch lange nicht am Ziel. Es ist im Aufbau, im Wachsen, im ständigen Entwickeln. Und Wachstum ist kein sanfter Prozess. Wachstum verlangt Energie, Entscheidungen, Mut und manchmal auch schlaflose Nächte. Es verlangt Präsenz.
Ja, ich arbeite viel. Ich denke viel. Ich plane viel. Es gibt Tage, da beginnt mein Kopf zu arbeiten, bevor ich die Augen richtig geöffnet habe. Ideen tauchen auf, Konzepte wollen weitergedacht werden, Visionen drängen nach Umsetzung. Abends sitze ich manchmal noch da, wenn alles ruhig geworden ist, und merke, wie müde mein Körper ist, während mein Herz noch voller Tatendrang steckt.
Aber diese Arbeit fühlt sich nicht wie eine Last an. Sie fühlt sich wie Verantwortung an. Und wie Freiheit.
Viele verwechseln Intensität mit Überforderung. Aber ich arbeite nicht gegen mich, ich arbeite aus mir heraus. Ich spüre meinen Körper, ich weiß, wann ich Luft brauche, wann ich langsamer werden muss, wann ich Abstand brauche. Gesundheit ist kein Nebengedanke für mich, sie ist Grundlage. Ich will dieses Unternehmen langfristig führen. Und dafür brauche ich Stabilität, Klarheit, Kraft.
Doch ich werde mein Feuer nicht drosseln, nur damit es nach außen ruhiger wirkt.
Es gibt allerdings etwas, das mich besonders bewegt. Was mit diesem Unternehmen noch deutlicher wurde. Wenn ich Frauen sehe, die sich klein halten lassen. Die sich mit einem mittelmäßigen Job zufriedengeben, während der Mann Hauptverdiener ist und sie an seiner Seite möglichst angepasst bleiben sollen. Wenn ich spüre, wie viel Potenzial in ihnen steckt und wie wenig Raum sie sich nehmen.
Das trifft mich. Nicht, weil ich urteilen will. Sondern weil ich weiß, dass ich das nicht könnte.
Ich bin keine Emanze. Ich führe keinen ideologischen Kampf. Ich glaube an Partnerschaft, an Respekt, an gegenseitige Stärke. Aber ich glaube nicht daran, sich selbst zu reduzieren, damit ein System bequem bleibt. Ich glaube nicht daran, seine Ambitionen leiser zu drehen, damit niemand irritiert ist.
Vielleicht arbeite ich deshalb so intensiv, weil Freiheit für mich kein Schlagwort ist, sondern ein innerer Zustand. Ich möchte niemals in eine Situation geraten, in der ich mir denke: Ich habe mich kleiner gemacht, als ich hätte sein können.
Karins Schwester ist mein Beweis an mich selbst, dass ich unabhängig sein kann. Dass ich gestalten kann. Dass ich mein Fundament selbst baue. Und dieses Fundament wächst noch. Es ist noch nicht fertig. Es wird größer, klarer, kraftvoller. Und ich wachse mit.
Manchmal bin ich müde. Natürlich. Ich bin kein unerschöpfliches System. Manchmal spüre ich Zweifel, manchmal frage ich mich, wie viel Kraft noch in mir steckt. Aber dann spüre ich auch diesen Stolz. Den Stolz darauf, dass ich nicht gewartet habe. Dass ich nicht abhängig geblieben bin. Dass ich nicht klein geblieben bin.
Ich komme nicht zur Ruhe, indem ich nichts tue. Ich komme zur Ruhe, wenn ich weiß, dass ich mein Potenzial nicht verschenke. Wenn ich weiß, dass ich mutig genug war, groß zu denken. Wenn ich abends erschöpft bin und gleichzeitig erfüllt, weil ich wieder einen Schritt gegangen bin.
Vielleicht werde ich nie diese stille, gleichmäßige Ruhe erleben, die manche meinen. Vielleicht werde ich immer eine Frau sein, die baut, denkt, entwickelt und weiter will.
Aber ich werde mich nicht beruhigen, nur damit andere sich wohler fühlen.
Ich werde nicht kleiner träumen, nur damit es weniger anstrengend aussieht.
Ich werde nicht aufhören zu arbeiten, nur weil Ehrgeiz unbequem wirken kann.
Ich komme aus einem sehr guten Haus. Man steht für sich selbst. Man bleibt aufrecht. Man trägt Verantwortung.
Und wenn mich jemand fragt, wann ich zur Ruhe komme, dann ist meine Antwort klar:
„Ich bin ruhig, wenn ich frei bin.“
Und ich arbeite jeden Tag daran, genau das zu bleiben.
In diesem Sinne, genieße ich heute einfach meine Ruhe.
Liebe geht raus. Eure Marlis.
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