Manchmal ist Würde einfach, nicht zurückzuschreien

Ich glaube, wir leben gerade in einer Zeit, in der viele Menschen komplett vergessen haben, wie man miteinander umgeht.

Nicht im großen philosophischen Sinn. Ganz banal. Im Alltag. Im Tonfall. In Blicken. In Gesprächen. In dieser permanenten Gereiztheit, die inzwischen überall über allem liegt wie eine schwere Wolke, die keiner mehr ignorieren kann.

Man merkt es doch sofort, sobald man morgens das Haus verlässt. Die Menschen sind dünnhäutig geworden. Aggressiv. Ungeduldig. Emotional völlig überladen. Jeder trägt irgendeinen Druck mit sich herum, irgendeine Angst, irgendeinen Frust, irgendeine Unsicherheit über Geld, Zukunft, Politik, Arbeit, Beziehungen oder einfach dieses diffuse Gefühl, dass gerade vieles nicht mehr stabil ist.

Und das Problem ist: Viele haben komplett verlernt, wohin mit diesen Emotionen. Also entladen sie sich. An Fremden. An Mitarbeitern. An Unternehmern. An Kassiererinnen. An Menschen im Internet. An allem, was gerade zufällig vor ihnen steht.

Ich erlebe das ständig.

Und nein, ich meine damit nicht nur offene Unfreundlichkeit. Ich meine diese unterschwellige Härte, die inzwischen in so vielen Menschen sitzt. Diese Art, sofort gereizt zu reagieren. Sofort laut zu werden. Sofort Grenzen zu überschreiten, sobald irgendetwas nicht perfekt läuft. Als hätte jeder innerlich nur noch eine Zündschnur von drei Zentimetern.

Früher dachte ich immer, Stärke bedeutet, sofort zurückzuschießen. Sofort klarzumachen: Nicht mit mir. Lauter. Härter. Dominanter. Vor allem als Unternehmerin. Vor allem als Frau. Vor allem in einer Gesellschaft, in der viele Menschen Ruhe sofort als Schwäche interpretieren.

Heute sehe ich das komplett anders. Heute glaube ich, dass echte Stärke oft darin liegt, sich eben nicht mitreißen zu lassen.

Nicht jede primitive Energie anzunehmen wie eine Einladung zum Kampf.

Nicht jede Respektlosigkeit zu spiegeln.
Nicht jede Situation eskalieren zu lassen, nur weil man es könnte. Denn ganz ehrlich? Jeder kann schreien.
Jeder kann impulsiv werden.
Jeder kann andere verletzen.
Jeder kann im Affekt Dinge sagen, die Grenzen überschreiten.
Dafür braucht man weder Charakter noch Größe.

Aber sich zu kontrollieren, obwohl man innerlich kocht? Das schaffen die wenigsten. Und vielleicht beschäftigt mich dieses Thema gerade deshalb so sehr, weil ich das Gefühl habe, dass Würde inzwischen fast altmodisch geworden ist.

Dieses ruhige Bei-sich-Bleiben.
Diese Selbstbeherrschung.
Diese Fähigkeit, nicht jede emotionale Explosion mitzumachen. Stattdessen leben wir inzwischen in einer Gesellschaft, in der Menschen ihren kompletten Kontrollverlust teilweise noch für Ehrlichkeit halten.
Nein.
Nicht jede Emotion verdient eine Bühne.
Nicht jede Wut rechtfertigt Grenzüberschreitungen.
Und nicht jeder Impuls muss ungefiltert auf andere Menschen geschleudert werden.

Ich finde sogar, dass man den wahren Charakter eines Menschen nicht erkennt, wenn alles gut läuft. Sondern genau dann, wenn Druck entsteht. Wenn etwas schiefgeht. Wenn Emotionen hochkochen. Jeder kann freundlich sein, solange das Leben leicht ist. Interessant wird es erst, wenn es unangenehm wird. Und genau da merke ich inzwischen immer stärker, wie sehr ich meinen eigenen Frieden schützen möchte.

Früher hätte ich wahrscheinlich jede Situation sofort diskutiert. Hätte erklärt, warum ich etwas unfair finde. Hätte mich emotional komplett hineinziehen lassen. Hätte Stunden darüber nachgedacht, mich geärgert, analysiert, aufgeregt.

Heute denke ich mir oft nur noch:
Ich muss da nicht mitmachen.

Und das hat nichts mit Schwäche zu tun. Im Gegenteil. Ich glaube sogar, dass die lautesten Menschen oft die sind, die innerlich am wenigsten Kontrolle über sich selbst haben. Wirklich souveräne Menschen müssen andere nicht niederwalzen, um sich stark zu fühlen. Sie müssen nicht schreien. Nicht provozieren. Nicht eskalieren. Nicht permanent Dominanz beweisen.

Sie sagen klar, was sie denken.
Sie setzen Grenzen.
Sie bleiben deutlich.
Aber sie verlieren dabei nicht ihre Haltung. Und genau diese Haltung ist für mich inzwischen alles.

Gerade weil ich in den letzten Jahren gelernt habe, wie schnell Menschen kippen können. Wie schnell Respekt verschwindet, sobald Emotionen ins Spiel kommen. Wie viele Menschen ihre eigenen Probleme ungefiltert auf andere projizieren. Man merkt doch inzwischen überall diese gesellschaftliche Erschöpfung.
Die Menschen lachen weniger.
Sie gönnen weniger.
Sie regen sich schneller auf.
Sie sind empfindlicher.
Misstrauischer.
Härter.

Und vielleicht ist genau deshalb Ruhe heute so wertvoll geworden. Nicht dieses künstliche „alles ist positiv“-Gelaber, das man überall auf Social Media sieht. Sondern echte innere Ruhe. Dieses Gefühl, nicht jede Energie übernehmen zu müssen, die einem entgegenkommt. Denn irgendwann versteht man: Nicht jede Schlacht verdient die eigene Würde.

Und ich glaube, genau das ist etwas, das ich in den letzten Jahren lernen musste. Dass man nicht automatisch stark ist, nur weil man zurückschlägt. Dass man nicht jede Provokation beantworten muss. Dass Distanz manchmal viel mächtiger ist als Drama. Man kann Menschen anschauen und innerlich einfach entscheiden: Bis hierhin und nicht weiter.
Ohne großes Theater.
Ohne Rache.
Ohne künstliche Härte.
Aber eben auch ohne falsche Nähe danach.

Denn auch das gehört zur Wahrheit:
Ich vergesse Dinge nicht. Vor allem nicht die Art, wie Menschen mit mir umgehen.

Und nein, das bedeutet nicht, dass ich Kriege führen möchte oder tagelang voller Hass herumlaufe. Dafür ist mir meine Energie inzwischen viel zu schade. Aber ich merke mir Charakter. Sehr genau sogar.

Ich merke mir, wer respektvoll bleibt, wenn es schwierig wird.
Und ich merke mir, wer sofort laut wird, sobald Emotionen hochkochen.

Vielleicht ist das Erwachsenwerden:
Zu erkennen, dass man nicht jeden Kampf gewinnen muss, um seine Würde zu behalten.

Vielleicht ist wahre Stärke manchmal einfach nur, ruhig zu bleiben, obwohl man allen Grund hätte, laut zu werden.

Und vielleicht ist genau das heute die seltenste Eigenschaft überhaupt.

Tja. Das sind meine Gedanken. 
Eure Marlis


2 Kommentare


  • Petra

    100 % Zustimmung.


  • Sabrina

    So wahr. Ich merke das jeden Tag, ich bin Friseurin und arbeite mit und für die Kunden, die Geduld , das Vertrauen, die Akzeptanz oder die Wertschätzung wird immer geringer. Leider! Ich übe meinen Beruf so gerne aus nur in den letzten Jahren wird das aufstehen und lächeln jeden Tag schwerer. Das ist so schade, ich bin ein absolut positiver Mensch aber man wird jeden Tag an seine Grenzen gebracht ob beruflich oder privat.


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