Kaugummizigaretten, Furby und die große Liebe am Love Phone
Es gab eine Zeit, da war die Welt noch in Ordnung. Eine Zeit, in der unsere größte Sorge war, ob unser Pager vibrierte, ob unser Lieblingslied rechtzeitig auf einer frisch überspielten Kassette startete und ob der Furby mitten in der Nacht aufwachte und uns mit seinen glitzernden Augen und seinem unheimlichen „Dah-ay-loh“ begrüßte. Eine Zeit, in der wir Kinder nicht schneller sein mussten als der Algorithmus, sondern nur schneller als unsere Geschwister, bevor sie die Fernbedienung in die Hand nahmen. Ich rede von den 90ern. Von diesem eigenartigen, warmen, unperfekten und zugleich vollkommenen Jahrzehnt, das uns geprägt hat, ohne dass wir es damals überhaupt verstanden hätten.
Während ich diese Zeilen, rieche ich sie: die Kaugummizigaretten in meiner Schreibtischschublade… Die Kaugummizigaretten waren unser heimlicher Eintritt in die Welt der Großen. Wir standen vor dem Schulkiosk, pusteten imaginären Rauch in die kalte Luft, als würden wir gleich zu MTV-Moderatoren werden. Der Geschmack hielt ungefähr fünf Sekunden, aber das Gefühl, erwachsen zu sein, eine ganze Ewigkeit. Und jedes Mal, wenn die bunte Papierschachtel raschelte, war das wie ein kleines Versprechen: dass die Welt noch unkompliziert war. Und wir mittendrin.
Wenn ich an die 90er denke, dann denke ich an meinen Pager, der wie ein heiliges Artefakt an meinem Gürtel hing. Ein kleiner, unscheinbarer Kasten, der für uns nach Freiheit roch. Man drückte eine Taste, ein Piepen ertönte, und man fühlte sich plötzlich wie Teil einer geheimen Mission. Es war das Gefühl, dass jemand da draußen an einen denkt. Dass man wichtig ist. Heute erscheint es lächerlich, damals war es unser WhatsApp, unser Instagram, unser Dopamin-Kick in Kunststoffform. Ein „Ich hab dich erreicht“ ohne Emojis. Ein Vibrieren, das im ganzen Bauch ankam.
Und dann gab es diese magischen Spiele, die uns unendlich groß vorkamen. Electronic Shopping Center zum Beispiel. Ein Brettspiel, bei dem wir mit einer kleinen Plastikkarte durch ein Mini-Kaufhaus liefen und so taten, als wären wir erwachsen. Wir kauften fiktive Schuhe, probierten imaginäre Outfits und entschieden mit stolzgeschwellter Brust, ob wir unser Geld im Beauty-Salon oder im Restaurant ausgaben. Keine Sorge, wir waren nie pleite. In diesem Spiel war das Leben fair und einfach. Eine Welt, in der alles möglich war, solange die Batterien hielten.
Ich erinnere mich auch an das Love Phone. Dieses kitschige Gerät in Pink oder Lila, das uns angeblich verraten sollte, ob jemand in uns verliebt war. Man drückte zwei Namen ein, das Ding blinkte, piepte und erzählte uns etwas über unsere Zukunft. Und wir glaubten es. Weil wir glauben wollten. Weil wir Kinder waren, die noch Mut für Träume hatten. Und weil die Liebe damals nicht kompliziert war, sondern nur aufregend. Es war die Zeit der Bravo, der Liebestests, der geheimen Einträge in Freundschaftsbüchern und der Frage „Willst du mit mir gehen? Ja, nein, vielleicht.“
Und irgendwo dazwischen stand er: der Furby. Unser pelziger, gruselig-süßer Begleiter, der uns beibrachte, Verantwortung zu übernehmen. Oder Panik. Denn wenn er nachts um drei Uhr plötzlich die Augen öffnete und „U-nye-loo-lay“ flüsterte, waren wir uns sicher, dass er entweder hungrig war oder Besitz von unserem Kinderzimmer ergreifen wollte. Wir liebten ihn trotzdem. Wir fütterten ihn, wir redeten mit ihm, wir gaben uns Mühe, ihn glücklich zu machen. Vielleicht, weil es sich anfühlte, als hätten wir zum ersten Mal jemanden, der uns brauchte. Jemanden, der uns antwortete, wenn auch nur in Furbisch: „Mee mee noh-lah!“
Wenn ich heute darüber nachdenke, spüre ich dieses warme Kribbeln im Bauch, das man bekommt, wenn man weiß, dass etwas unwiederbringlich vorbei ist. Die 90er hatten keine perfekten Selfies, keine Filter, keine 24/7-Reichweite. Wir hatten Einwegkameras, die erst Wochen später zeigten, ob die Bilder verwackelt oder ikonisch waren. Und wir hatten Walkmans, die uns die Freiheit gaben, laut zu fühlen. Wir hörten die Bravo Hits rauf und runter, spulten mit einem Bleistift die Kassette zurück und kannten jedes Knacken zwischen zwei Songs. Es war nicht sauber. Nicht linear. Nicht perfekt. Aber es war echt.
Und dann diese unendlichen Sommer. Fahrräder ohne Gangschaltung, aber mit Herz. Freibäder, die nach Pommes und Sonnencreme rochen. Der Moment, in dem wir mit nassen Haaren auf einer warmen Wiese lagen und in den Himmel schauten, während irgendwo ein Radio „Sweet Dreams“ spielte. Dieses bestimmte 90er-Blau am Himmel werde ich nie wieder vergessen. Es gab kein WLAN, aber es gab Nachmittage, die sich anfühlten wie ein Versprechen auf ein ganzes Leben.
Die Welt war kleiner, und genau deshalb fühlte sie sich größer an. Man musste sich verabreden und tatsächlich auftauchen. Man konnte sich nicht als „online“ tarnen. Wenn jemand da war, war er da. Und wenn jemand nicht kam, stand man halt allein mit seinem Fahrrad an der Ecke und wartete zehn Minuten, bevor man nach Hause fuhr. Man war geduldig. Oder lernte es. Wir schrieben Freundinnen Briefe, obwohl sie zwei Straßen weiter wohnten. Wir riefen bei ihren Eltern an und fragten höflich, ob sie „bitte ans Telefon kommen“ können. Wir hatten Mut, den heute viele gar nicht mehr kennen, weil wir ihn brauchten.
Ich vermisse die Nächte, in denen wir uns im Kinderzimmer einsperrten, die Lavalampe anmachten, uns Glitter-Bodygel auf die Arme schmierten und stundenlang über die Zukunft redeten. Wir hatten keine Angst vor ihr. Wir dachten, sie würde einfach passieren. Und irgendwie tat sie das auch.
Und ich vermisse die Fernsehabende, als die ganze Familie gemeinsam RTL geschaut hat, weil es nur ein paar Fernseher gab. „Alles Nichts Oder?“, „Mini Playback Show“ oder „RuckZuck“…
Vor allem aber vermisse ich die Zeit, in der jede meiner Freundinnen die gleiche Haarspange trug wie ich, einfach weil wir alle denselben Katalog geblättert hatten und uns wünschten, genauso auszusehen wie die Mädchen in der Bravo Girl. Und dieses gemeinsame Sich-Sehnen hat uns ohne Social Media verbunden.
Vielleicht war es diese Mischung aus Unschuld, Mut und grenzenloser Fantasie, die unsere 90er so unersetzbar macht. Wir hatten wenig und doch hatten wir alles. Wir glaubten an Zeichen, an Glück, an Freundschaft, an die Zukunft, an Neonfarben, an Tamagotchis, an Pager-Vibrationen und manchmal sogar an das Love Phone. Wir glaubten an uns selbst, ohne es auszusprechen.
Und vielleicht weine ich gerade ein bisschen, während ich das schreibe. Weil es weh tut, etwas so Schönes nur noch im Herzen zu haben. Aber gleichzeitig ist es tröstlich. Denn all diese Momente tragen uns bis heute. Sie erinnern uns daran, dass die Welt mal langsamer, wärmer, ehrlicher war. Und dass wir in dieser Welt groß geworden sind.
Vielleicht war es einfach das schönste Jahrzehnt unseres Lebens. Oder das letzte Jahrzehnt, bevor alles schneller wurde, bevor die Welt sich überholte, bevor wir lernten, dass Erwachsenwerden nicht nur Freiheit bedeutet, sondern auch Verantwortung, Entscheidungen und eine Form von Einsamkeit bedeutet, die wir als Kinder nicht kannten.
Aber wenn ich die Augen schließe, höre ich ihn wieder. Den Pager.
Ich sehe den Furby blinzeln.
Ich fühle das alte Kribbeln.
Und für einen Moment bin ich wieder dort.
In den 90ern.
In dieser kleinen, großen Welt, in der alles möglich war.
Einfach alles.
In Liebe,
Marlis. Einfach nur Marlis.
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