Ich stelle keine Bequemlichkeit ein

Der Arbeitsmarkt ist gerade kein Problem. Er ist ein Offenbarungseid. Nicht für Unternehmen, sondern für eine Haltung, die sich eingeschlichen hat wie Schimmel in einer feuchten Wand und jetzt glaubt, sie sei Design.

Was mir derzeit an Bewerbungen begegnet, ist kein Fachkräftemangel. Es ist ein Mangel an Realitätssinn. An Demut. An Verständnis dafür, wie Wirtschaft funktioniert. Menschen ohne Ausbildung, ohne Erfahrung, ohne jede erkennbare Qualifikation treten auf, als würden sie gerade aus einer Verhandlungsposition der Stärke heraus agieren. Und diese Stärke existiert ausschließlich in ihrem eigenen Kopf.

Die erste Frage ist Geld. Immer. Nicht Inhalt. Nicht Verantwortung. Nicht Aufgabe. Nicht Team. Geld. Danach kommen Freizeitmodelle, Sonderwünsche, flexible Lösungen und ganz am Ende irgendwo im Kleingedruckten vielleicht die Frage, was man eigentlich tun soll. Falls überhaupt.

Ich sage es jetzt einmal unmissverständlich: So funktioniert das nicht. Nirgendwo. Und schon gar nicht in einem Unternehmen, das lebt, arbeitet, zahlt und Verantwortung trägt. Ein Betrieb ist kein Wunschkonzert. Kein Sozialexperiment. Kein Ort, an dem man seine persönliche Bequemlichkeitsphilosophie ausleben darf, während andere die Arbeit erledigen.

Was mich dabei wirklich fassungslos macht, ist diese neue Form von Selbstüberschätzung. Keine Leistung, aber Anspruch. Keine Kompetenz, aber Forderungen. Keine Bereitschaft, sich zu entwickeln, aber der feste Glaube, man sei unterbezahlt, bevor man überhaupt angefangen hat. Das ist keine moderne Arbeitskultur. Das ist Realitätsverweigerung.

Ich bin Unternehmerin. Ich zahle Gehälter. Ich überweise Sozialabgaben. Ich zahle so verdammt viele Steuern. Ich trage Risiko. Ich hafte. Ich treffe Entscheidungen, die Geld kosten können. Und ich erwarte im Gegenzug nicht Dankbarkeit, sondern etwas sehr Banales: Einsatz. Lernbereitschaft. Respekt vor Arbeit.

Wer glaubt, dass ein Job ein Zustand ist, in dem man möglichst wenig geben und möglichst viel bekommen sollte, hat den Kern nicht verstanden. Arbeit ist kein Deal auf Augenhöhe, wenn eine Seite nichts einbringt. Augenhöhe entsteht durch Beitrag. Nicht durch Selbstzuschreibung.

Dieses permanente Gerede von Work Life Balance ist zur Ausrede verkommen. Balance wovon. Von Nichtleistung und Anspruch. Balance setzt Gewicht voraus. Wer nichts trägt, kann auch nichts ausgleichen. Wer nie Verantwortung übernimmt, braucht auch keine Balance. Der braucht Struktur. Und manchmal auch eine klare Absage.

Ich höre ständig, man müsse sich als Arbeitgeber heute bewerben. Nein. Muss man nicht. Man muss ein gutes Unternehmen sein. Klar. Fair. Strukturiert. Verlässlich. Aber man muss sich nicht verbiegen, um Menschen zu halten, die im Grunde gar nicht arbeiten wollen. Ich bin nicht auf der Suche nach jemandem, der möglichst wenig im System auffällt. Ich suche Menschen, die etwas beitragen.

Und hier kommt der Punkt, der manchen nicht gefallen wird: Wenn ich niemanden finde, der passt, dann mache ich es selbst. Ohne Jammern. Ohne LinkedIn Post. Ich werde nie so verzweifelt sein, mir jemanden ins Team zu holen, nur weil er verfügbar ist. Verfügbarkeit ist kein Qualitätsmerkmal.

Falsche Mitarbeiter kosten mehr als gar keine. Sie kosten Energie, Zeit, Nerven, Stimmung und am Ende Geld. Sie blockieren gute Prozesse, ziehen andere runter und beschädigen Kultur. Und dafür soll ich dankbar sein, nur weil jemand eine Bewerbung geschickt hat. Nein.

Ich bin Generation Arbeiter. Und ich stehe dazu. Ich glaube nicht an Abkürzungen. Ich glaube an Lernen durch Tun. An besser werden. An Anstrengung. An Verantwortung. An das simple Prinzip, dass man sich etwas erarbeitet, bevor man es einfordert. Das ist nicht altmodisch. Das ist funktional.

Dieses Homeoffice Getue, diese völlige Entkopplung von Präsenz, Verantwortung und Ergebnis ist für viele längst kein Werkzeug mehr, sondern ein Schutzschild. Ein Weg, sich zu entziehen. Und nein, das ist nicht progressiv. Das ist bequem. Fortschritt entsteht nicht durch Rückzug, sondern durch Beteiligung.

Ein Unternehmen ist kein Ort für Menschen, die sich vor jeder Form von Verbindlichkeit drücken. Es ist ein Ort für Menschen, die bereit sind, Teil eines Systems zu sein. Mit allem, was dazugehört. Verantwortung, Einsatz, manchmal Stress, manchmal lange Tage, manchmal Fehler.

Ich habe kein Problem mit jungen Menschen. Ich habe ein Problem mit Menschen, die glauben, alles zu verdienen, ohne etwas zu investieren. Ich habe kein Problem mit neuen Arbeitsmodellen. Ich habe ein Problem mit Anspruchsdenken ohne Fundament.

Der richtige Bewerber ist heute selten. Nicht, weil er perfekt ist. Sondern weil er verstanden hat, dass Arbeit keine Belastung ist, sondern ein Vertrag. Ich gebe etwas. Du gibst etwas. Wir wachsen gemeinsam. Alles andere ist Illusion.

Und vielleicht tut es gut, das wieder klar zu sagen. Unternehmen sind nicht dafür da, persönliche Komfortzonen zu finanzieren. Sie sind dafür da, Werte zu schaffen. Wirtschaftlich. Menschlich. Strukturell.

Wer das nicht leisten will, ist hier falsch. Und das ist keine Arroganz. Das ist Klarheit.

Montag. Und es geht in eine neue Woche.

Marlis. Gründerin. Ideengeberin.


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