Warum Mittelmaß so bequem ist und warum wir uns weigern, bequem zu sein

Es gibt eine unscheinbare, aber äußerst wirkungsvolle Epidemie.

Sie ist weder laut noch spektakulär.

Sie trägt keinen dramatischen Namen.

Sie heißt Mittelmaß. Und sie ist unfassbar bequem.

Mittelmaß fühlt sich sicher an. Es verlangt keine großen Entscheidungen. Keine klaren Positionen. Keine schlaflosen Nächte. Kein Risiko, anzuecken. Mittelmaß sagt: Mach es wie die anderen. Mach es nicht zu anders. Nicht zu laut. Nicht zu besonders. Bleib im Rahmen.

Und genau dieser Rahmen ist das Problem.

Mittelmaß ist die weich gepolsterte Komfortzone des Unternehmertums. Es ist die Strategie derjenigen, die lieber dazugehören als auffallen.

Lieber akzeptiert als bewundert. Lieber unkritisiert als unübersehbar.

Aber Mittelmaß erzeugt keine Relevanz. Es erzeugt Austauschbarkeit.

Im Einzelhandel sieht man es überall. Dieselben Marken. Dieselben Schaufenster. Dieselben Phrasen. Dieselben Instagram Posts mit austauschbaren Zitaten über Kaffee und Montagmorgen. Niemand will etwas falsch machen. Also macht man nichts Besonderes.

Und das ist bequem.

Bequem ist es, Trends nur halb umzusetzen.

Bequem ist es, nicht zu polarisieren.

Bequem ist es, die eigene Meinung weichzuspülen, bis sie niemandem mehr weh tut.

Bequem ist es, sich hinter Ausreden zu verstecken, wenn etwas nicht funktioniert.

Was unbequem ist?

Sichtbar sein.

Entscheidungen treffen.

Investieren.

Sich festlegen.

Sich angreifbar machen.

Unbequem ist es, eine klare Handschrift zu entwickeln.

Unbequem ist es, Dinge nicht zu verkaufen, nur weil sie Umsatz bringen würden, aber nicht zur eigenen Identität passen.

Unbequem ist es, Nein zu sagen.

Mittelmaß hingegen sagt: Nimm alles mit.

Hauptsache, es bringt kurzfristig Geld.

Hauptsache, niemand beschwert sich.

Hauptsache, es läuft irgendwie.

Aber irgendwie ist kein Konzept.

Irgendwie ist ein langsames Verschwinden.

Die Wahrheit ist: Mittelmaß ist kein Zufall. Es ist eine bewusste Entscheidung. Eine Entscheidung für Sicherheit statt Substanz. Für Anpassung statt Charakter. Für Ruhe statt Wirkung.

Es gibt Unternehmen, die jahrelang existieren, ohne jemals eine echte Haltung entwickelt zu haben. Sie reagieren. Sie kopieren. Sie beobachten. Aber sie führen nicht.

Und Führung beginnt immer mit Unbequemlichkeit.

Unbequem ist es, Geld in Marketing zu stecken, wenn andere sparen.

Unbequem ist es, Personal abzulehnen, das nicht passt, obwohl man dringend Hilfe bräuchte.

Unbequem ist Personal zu entlassen, das nicht (mehr) passt und man keine Kompromisse mehr im eigenen Unternehmen machen möchte. 

Unbequem ist es, sich weiterzuentwickeln, während andere stehen bleiben.

Mittelmaß liebt Stillstand.

Es tarnt ihn als Vernunft.

„So haben wir das immer gemacht“ ist die Lieblingsausrede des Mittelmaßes.

„Das passt hier nicht“ ist sein Schutzschild.

„Die Kunden wollen das nicht“ ist seine Nebelkerze.

In Wahrheit fürchtet das Mittelmaß nur eines: Veränderung.

Denn Veränderung bringt Unsicherheit. Und Unsicherheit verlangt Mut. Und Mut hat keine Garantie. Aber Relevanz entsteht nicht aus Garantie. Sie entsteht aus Klarheit.

Ein Unternehmen mit klarer Haltung polarisiert. Und Polarisierung bedeutet nicht Feindseligkeit. Es bedeutet Profil. Es bedeutet, dass man nicht für alle ist. Und genau darin liegt die Stärke.

Wer für alle sein will, ist für niemanden besonders.

Mittelmaß vermeidet diese Erkenntnis. Es will gefallen. Es will niemanden verlieren. Es will im Konsens bleiben. Doch Konsens ist selten inspirierend.

Bequemlichkeit hat einen hohen Preis.

Sie kostet Identität, Strahlkraft und vor allem Wachstum.

Und irgendwann kostet sie Existenz. Das sage ich, weil ich hier im stationären Store es, immer noch, im 6. Jahr spüre...

Denn Märkte verändern sich. Kunden verändern sich. Erwartungen verändern sich. Wer nur verwaltet, wird verwaltet. Wer nur reagiert, wird ersetzt.

Unbequemlichkeit hingegen zwingt zur Weiterentwicklung. Sie fordert Analyse. Strategie. Entscheidungen. Sie zwingt dazu, die eigenen Zahlen zu verstehen, die eigene Marke zu schärfen, die eigene Kommunikation zu kontrollieren.

Unbequemlichkeit ist anstrengend. Aber sie ist produktiv. Mittelmaß hingegen ist sedierend.

Es lullt ein, beruhigt, verhindert Konflikte.

Und genau deshalb ist es so gefährlich. Denn während man sich bequem eingerichtet hat, arbeiten andere. Denken größer. Testen Neues. Investieren. Scheitern schneller. Lernen schneller. Wachsen schneller.

Mittelmaß hasst Geschwindigkeit.

Es liebt Diskussionen, es liebt Bedenken und es liebt vor allem Gründe, warum etwas nicht geht.

Mut hingegen liebt Umsetzung. Man muss kein Konzern sein, um mutig zu handeln. Man muss auch nicht perfekt sein. Aber man muss bereit sein, Entscheidungen zu treffen, die nicht jeder versteht. Und man muss bereit sein, Kritik auszuhalten.

Denn wer sichtbar ist, wird bewertet. Wer klar ist, wird hinterfragt. Wer auffällt, wird beobachtet.

Die Empörung hier vor Ort. Wenn wir einen privaten Shopping Club gründen, heißt es plötzlich, das sei elitär. Elitär. Ein faszinierendes Wort. Meist benutzt von Menschen, die Exklusivität gern konsumieren, aber sie anderen nicht zugestehen.

Wenn wir ein Schild an die Tür hängen, auf dem steht, dass der Store kein Kinderspielplatz ist, wird das als unfreundlich interpretiert. Unfreundlich, weil wir erwarten, dass Ware nicht als Klettergerüst benutzt wird. Unfreundlich, weil wir Qualität schützen. Unfreundlich, weil wir Verantwortung übernehmen.

Und wenn wir als Unternehmer laut sagen, was wir denken, wenn wir über Arbeitsmoral sprechen, über Anspruch, über Standards, über Benimm, dann heißt es arrogant. Arrogant ist in Wahrheit oft nur ein anderes Wort für unbequem.

Interessant ist, dass sich nie jemand über das Mittelmaß aufregt.

Niemand schreibt lange Nachrichten an Läden, die nichts Besonderes tun. Niemand diskutiert über Unternehmen, die brav mitschwimmen.

Kritik entsteht dort, wo Haltung sichtbar wird.

Ein privater Shopping Club ist kein Ausschluss. Er ist Selektion. Und Selektion ist im Business keine Bosheit, sondern eine glasklare Strategie.

Ein Türschild ist keine Aggression. Es ist ein Filter. Und Filter sind notwendig, wenn man nicht alles und jeden bedienen will.

Eine klare Meinung ist kein Angriff. Sie ist Führung. Und Führung bedeutet automatisch, dass nicht jeder mitgeht.

Das Problem ist nicht, dass wir unbequem sind. Das Problem ist, dass wir nicht verhandelbar sind.

Wir erklären uns nicht klein. Wir relativieren nicht permanent unsere Standards. Wir entschuldigen uns nicht dafür, dass wir Qualität, Benimm oder Anspruch erwarten. Und genau das irritiert. Denn Mittelmaß funktioniert nur, wenn alle so tun, als gäbe es keine Alternativen.

Mittelmaß bleibt unsichtbar. Unsichtbar wird nicht bewertet. Aber unsichtbar wird auch nicht erinnert.

Die Frage ist also nicht, ob Mittelmaß funktioniert. Kurzfristig tut es das oft. Die Frage ist, ob es reicht.

Reicht es, durchschnittlich zu sein?

Reicht es, mitzuschwimmen?

Reicht es, keine Wellen zu schlagen?

Für manche ja. Und das ist legitim. Und auch absolut in Ordnung.

Aber wer Bedeutung will, muss unbequem sein. Unbequem in seinen Standards. Unbequem in seiner Qualität. Unbequem in seinem Anspruch.

Unbequem in seiner Konsequenz. Ja, wir sind konsequent, in Richtung Kunden, in Richtung Lieferanten, in Richtung Hatern, in Richtung Kritiker. Aber auch im Erfolg. Bildet sich etwas für uns als erfolgreich ab, verfolgen wir uns weiter. Unabhängig davon, ob es der Welt gefällt, wir entscheiden über unsere Konsequenz. Wir fragen nicht nach.

Bequemlichkeit beruhigt. Unbequemlichkeit bewegt. Und Bewegung ist die einzige Konstante im Unternehmertum.

Vielleicht ist Mittelmaß deshalb so populär, weil es wenig fordert. Es verlangt keine Vision. Kein klares Ziel. Keine Ambition, über das Notwendige hinauszugehen. Aber es hinterlässt auch keine Spuren.

Und am Ende ist genau das die entscheidende Frage:

Will man Spuren hinterlassen? Oder nur keinen Fehler machen? Beides gleichzeitig funktioniert nicht.

Mittelmaß schützt vor Fehlern. Mut schafft Möglichkeiten. Und Möglichkeiten sind unbequem. Aber sie sind der einzige Weg nach vorne.

So. Dann gehen wir mal weiter.

Heute ist erst Montag in der neuen Woche. Es gibt also noch viele Möglichkeiten für uns alle. Für jeden von uns. 

In Liebe Eure Marlis

 


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