Früher hat man Blumen gegossen. Heute reißt man sie raus
Diese Woche wurden vor unserem Concept Store zum zweiten Mal die Blumen zerstört. Lavendel rausgerissen. Rosmarin kaputt gemacht. Erde verstreut. Einfach zerstört. Nicht aus Versehen. Nicht „Kinderstreich“. Nicht lustig. Sondern mutwillig. Mit Absicht. Weil jemand nachts oder irgendwann am Tag beschlossen hat, dass Schönheit offenbar etwas ist, das ihn aggressiv macht.
Und ehrlich? Ich habe keine Lust mehr darauf.
Wir haben jetzt alle Pflanzen entfernt. Komplett. Die Blumen kommen nach Hause. Die großen Tröge vor den Fenstern werden weggeräumt. Zurück auf Null. Kahl. Leer. Emotionslos. Typische Stadt eben. Beton funktioniert schließlich besser als Menschlichkeit. Ein kahler Eingang lebt länger als Lavendel.
Und genau das ist eigentlich das Traurige daran. Nicht die Blumen. Sondern die Erkenntnis, dass man sich irgendwann dem Pöbel anpasst. Dem Gesindel. Den Menschen, die nichts erschaffen, aber alles kommentieren. Alles zerreden. Alles kaputt machen, was andere mit Liebe aufgebaut haben. Denn irgendwann wird man müde.
Müde davon, ständig gegen Respektlosigkeit anzukämpfen. Gegen dieses permanente Gefühl, dass heute alles Zielscheibe geworden ist. Schönheit. Erfolg. Stil. Eigentum. Individualität. Alles.
Es geht nämlich nie nur um Blumen. Es geht um dieselbe Mentalität, die auch über dein Auto lästert. Über dein schönes Haus. Deine Handtasche. Deinen Urlaub. Deinen Laden. Dein Leben. Immer dieses Giftige: „Was braucht man sowas?“ Dieses passive aggressive Kleinreden von allem, was ein bisschen schöner aussieht als das eigene Leben.
Und wenn man es nicht zerreden kann, wird es eben beschädigt.
Ich glaube, genau das ist einer der größten gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahre. Früher hatten Menschen Respekt vor Dingen, die anderen gehören. Man musste nicht alles mögen, aber man hatte Anstand. Blumen vor einem Geschäft waren einfach Blumen. Heute scheinen manche Menschen regelrecht getriggert zu sein von allem, was Mühe macht, stilvoll aussieht oder Herz hat.
Vielleicht, weil es sie an etwas erinnert, das sie selbst verloren haben. Freude vielleicht. Stolz. Geschmack. Motivation. Keine Ahnung. Aber irgendetwas passiert gerade mit dieser Gesellschaft. Und ich merke immer öfter, wie wenig ich mich darin noch zuhause fühle.
Man spürt diese Aggression mittlerweile überall. Menschen sind gereizt. Laut. Fordernd. Respektlos. Im Straßenverkehr. Im Internet. Im Alltag. Im Einzelhandel sowieso. Dieses permanente Genervtsein. Dieses Gefühl, jeder steht kurz davor zu explodieren. Und gleichzeitig dieser unfassbare Neid auf alles, was jemand anderes hat oder aufgebaut hat.
Früher hat man sich vielleicht gedacht: „Schön haben die das gemacht.“
Heute denkt man:
„Braucht kein Mensch.“
„Viel zu übertrieben.“
„Die glauben auch, sie sind was Besseres.“
„Mal schauen, wie lange noch.“
Und genau deshalb verschwinden irgendwann die schönen Dinge. Nicht weil die Menschen, die sie erschaffen, plötzlich keine Lust mehr auf Schönheit hätten. Sondern weil sie müde werden. Weil man irgendwann versteht, dass jedes bisschen Liebe, jedes Detail, jede Mühe sofort Angriffsfläche bietet.
Also macht man weniger.
Weniger Blumen.
Weniger Persönlichkeit.
Weniger Herz.
Man richtet sich irgendwann nach der Realität da draußen. Und die Realität da draußen ist leider oft hässlich geworden. Es ist doch absurd, wenn man darüber nachdenkt, oder? Da bemüht man sich, einen Ort schön zu machen. Pflanzen zu pflegen. Farbe in eine graue Straße zu bringen. Eine Atmosphäre zu schaffen. Und statt dass Menschen sich darüber freuen, wird es zerstört.
Warum? Weil manche Menschen Schönheit nicht ertragen. Das klingt hart, aber ich glaube wirklich, dass das stimmt. Schönheit erinnert manche Menschen daran, was ihnen selbst fehlt. Nicht finanziell. Sondern innerlich. Wer mit sich im Reinen ist, läuft nicht nachts herum und reißt Lavendel aus fremden Blumenkästen. Normale Menschen machen sowas nicht. Und bevor jetzt wieder jemand sagt: „Das sind halt Blumen.“
Nein. Sind sie nicht. Es geht um Respekt. Immer um Respekt.
Respekt vor Eigentum.
Respekt vor Arbeit.
Respekt vor Mühe.
Respekt vor Menschen.
Und genau dieser Respekt verschwindet immer mehr. Vielleicht merkt man das besonders stark, wenn man selbst Unternehmer ist. Wenn man etwas aufgebaut hat. Wenn man weiß, wie viel Kraft es kostet, jeden Tag etwas Schönes entstehen zu lassen in einer Zeit, in der viele nur noch konsumieren, urteilen und zerstören.
Ich merke jedenfalls immer öfter, wie mich diese Gesellschaft erschöpft. Nicht die Arbeit. Nicht der Laden. Nicht mein Unternehmen.
Die Menschen. Dieses permanente Schlechtreden. Dieses Aggressive. Dieses Missgünstige. Diese unterschwellige Feindseligkeit gegen alles, was ein bisschen anders, schöner oder erfolgreicher ist.
Und irgendwann beginnt man sich selbst zurückzunehmen.
Nicht aus Schwäche. Sondern aus Selbstschutz.
Dann entfernt man eben die Blumen. Dann wird alles nüchterner. Praktischer. Kälter. Weil man keine Lust mehr hat, ständig gegen Menschen anzukämpfen, die ihre eigene Unzufriedenheit auf alles projizieren, was ihnen nicht passt.
Vielleicht sehen die Leute dann bald einfach kahle Fenster.
Keine Pflanzen mehr. Keine Kräuter. Keine Blüten.
Und vielleicht passt genau das perfekt in diese Zeit.
Eine Zeit, in der man lieber alles neutral und emotionslos macht, bevor es wieder beschädigt wird. Eine Zeit, in der Beton sicherer ist als Schönheit. Eine Zeit, in der man lernt, dass Herz nach außen zu tragen oft nur bedeutet, verletzbar zu werden.
Das Traurige ist nur:
Am Ende verlieren dadurch nicht wir.
Am Ende verlieren Städte ihre Wärme. Straßen ihre Persönlichkeit. Orte ihre Seele. Denn Schönheit verschwindet nicht plötzlich. Sie zieht sich einfach langsam zurück, weil sie müde geworden ist.
Irgendwie schlimm. Aber ehrlich.
Tja. Was soll ich noch sagen?
Eure Marlis
Ich hab es gerade gelesen und das macht schon sehr traurig!!!!
Alles Liebe Marlis ♥️♥️
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