Ein Foto macht noch lange kein Konzept
Es gibt Momente, da weißt du schon während sie passieren, dass sie am Montag in meinem Blog landen werden. Letzte Woche hatte ich wieder genau so einen Moment. Ich musste mich wirklich zusammenreißen, nicht laut loszulachen. Nicht, weil es besonders lustig war. Sondern weil es so herrlich vorhersehbar war.
Eine Dame betritt unseren Concept Store. Nicht sonderlich freundlich aber auch nicht unfreundlich. Gepflegt und was aufgefallen ist, sehr fokussiert. Sie schaut sich um, nimmt hier und da etwas in die Hand und ich denke mir nichts dabei. So wie bei jeder anderen Kundin auch. Ich freue mich über jeden Menschen, der unsere Tür öffnet. Bis mir auffällt, dass sie gar nicht wirklich einkauft. Sie fotografiert. Und zwar nicht ein schönes Outfit, nicht unsere Dekoration, nicht die Atmosphäre, sondern ganz gezielt unsere Marken. Regal für Regal. Etikett für Etikett. Fast schon mit der Gründlichkeit eines Zollbeamten.
Ich bin dann zu ihr gegangen und habe wirklich freundlich gesagt, dass wir das Fotografieren unserer Marken nicht möchten. Was dann kam, war fast schon eine kleine Theateraufführung.
Innerhalb weniger Sekunden war aus der freundlichen Besucherin eine beleidigte Diva geworden. Plötzlich wurde der Ton schärfer und dann kam dieser Satz, bei dem ich mir innerlich dachte: Ach herrlich, jetzt wird es richtig gut. "Na dann habt ihr eben eine Kundin verloren."
Nein.
Wir haben keine Kundin verloren.
Wir haben jemanden dabei erwischt, der gerade etwas gemacht hat, von dem er ganz genau wusste, dass es nicht in Ordnung ist. Und wie so oft passiert dann etwas Faszinierendes. Wer ertappt wird, geht nicht in die Entschuldigung. Er geht in den Angriff. Das ist vermutlich einfacher für das eigene Ego.
Später stellte sich heraus, dass die Dame selbst aus dem Einzelhandel kommt. Da musste ich ehrlich gesagt noch einmal lachen. Nicht über sie. Sondern über die Vorstellung, dass man ernsthaft glaubt, Unternehmertum funktioniere so.
Ich stelle mir das bildlich vor. Man fährt ein paar hundert Kilometer, läuft mit dem Handy durch einen fremden Laden, fotografiert Marken und fährt wieder nach Hause mit dem Gefühl, jetzt habe man das Erfolgsgeheimnis gefunden.
Wenn das wirklich so einfach wäre, dann gäbe es jeden Tag neue Apple, neue Chanel und neue Ikea. Dann müsste ich einfach nur durch Louis Vuitton spazieren, alles fotografieren und wäre nächste Woche Millionärin.
So funktioniert die Welt nur leider nicht.
Seit wir Karins Schwester aufgebaut haben, begegnen mir immer wieder Menschen, die glauben, Erfolg könne man kopieren. Am Anfang hat mich das wahnsinnig geärgert. Hier im Ort wurde durch einen Einzelhändler versucht, Ideen zu übernehmen. Konzepte nachzumachen. Es wurde beobachtet, abgeschaut und ausprobiert. Schaufenster fotografiert und unsere Kameras haben alles aufgenommen. Hach was für ein Spaß. Zusätzlich hat sich auch noch die "Geschäftsführung" zum Marken glotzen in unser Store begeben, bis ich ihr sagte, was ich von ihr halte. Meine Mitarbeiter haben ebenfalls die Anweisung bis heute, das Hausverbot für diesen Einzelhändler strikt einzuhalten. Damals habe ich mich oft gefragt, warum Menschen ihre Energie nicht in ihre eigenen Ideen stecken. Fast wie arme Clowns. Heute sehe ich das entspannter. Denn wir haben den Spieß einfach umgedreht.
Der Laden, der damals versucht hat, unseren Weg mitzugehen, hat inzwischen seinen eigenen Weg gefunden. Und genau das freut mich ehrlich. Denn jeder Laden braucht seine eigene Persönlichkeit. Aber jetzt kommen sie eben von außerhalb.
Die wirtschaftlichen Zeiten werden rauer und plötzlich fahren Menschen quer durchs Land und machen Einkaufslisten mit dem Smartphone. Ich frage mich dann immer, ob sie sich auf der Heimfahrt wirklich denken: "Super, jetzt habe ich dieselben Marken wie Karins Schwester, jetzt läuft mein Laden."
Nein. Tut er nicht. Weil unsere Marken nicht unser Erfolgsgeheimnis sind. Sie sind ein kleiner Baustein. Nicht mehr.
Das Erfolgsgeheimnis ist die DNA meines Unternehmens.
Und genau die kannst du nicht fotografieren.
Du kannst unsere Etiketten fotografieren.
Du kannst unsere Preisschilder fotografieren.
Du kannst sogar unsere Einrichtung fotografieren.
Aber du kannst nicht fotografieren, warum unsere Kundinnen seit Jahren wiederkommen.
Du kannst nicht fotografieren, warum uns Menschen aus ganz Deutschland besuchen.
Du kannst nicht fotografieren, warum aus Kundinnen irgendwann Schwestern werden.
Du kannst nicht fotografieren, wie viele schlaflose Nächte hinter einem Unternehmen stecken.
Du kannst keine Entscheidungen fotografieren.
Keinen Mut.
Keine Zweifel.
Keine Rückschläge.
Keine Tränen.
Und ganz bestimmt keine Leidenschaft.
Das alles fehlt nämlich auf deinen Bildern.
Was mich an solchen Begegnungen eigentlich am meisten erstaunt, ist etwas ganz anderes.
Warum möchte eigentlich jeder aussehen wie jemand anderes?
Warum beschäftigt man sich nicht mit der viel wichtigeren Frage: Wer bin ich eigentlich?
Passt diese Marke überhaupt zu meinem Laden?
Passt sie zu meiner Zielgruppe?
Passt sie zu meiner Geschichte?
Oder kaufe ich sie nur, weil sie woanders funktioniert?
Das ist ungefähr so, als würde ich plötzlich Angelzubehör verkaufen, weil es beim Nachbarn läuft. Ein Concept Store ist keine Excel-Tabelle. Du kannst nicht einfach zehn Marken austauschen und erwarten, dass plötzlich dieselbe Magie entsteht.
Ein Laden braucht Charakter.
Eine Handschrift.
Einen roten Faden.
Menschen kaufen heute längst nicht mehr nur Produkte.
Sie kaufen Gefühle.
Sie kaufen Vertrauen.
Sie kaufen Atmosphäre.
Sie kaufen Persönlichkeit.
Und genau deshalb scheitern so viele Kopien.
Sie sehen aus wie das Original. Fühlen sich aber nicht so an. Ich habe überhaupt nichts gegen Konkurrenz. Ganz im Gegenteil. Gute Konkurrenz macht uns alle besser.
Aber ich habe etwas gegen Respektlosigkeit.
Wenn ich einen Concept Store bewundere, dann gehe ich hinein, lasse mich inspirieren, kaufe vielleicht sogar etwas und freue mich über schöne Ideen. Ich käme aber niemals auf die Idee, mit dem Handy durch den Laden zu laufen und systematisch Marken zu dokumentieren.Das hat für mich nichts mit Inspiration zu tun.
Das ist einfach schlechter Stil.
Und ich bin inzwischen an einem Punkt angekommen, an dem ich dafür keine Geduld mehr habe.
Wer sich in unserem Laden respektvoll verhält, ist von Herzen willkommen.
Wer freundlich ist, bekommt Freundlichkeit zurück.
Wer sich inspirieren lassen möchte, wunderbar.
Aber wer glaubt, unsere Offenheit mit Naivität verwechseln zu können, der hat sich den falschen Laden ausgesucht.
Dann ist das Gespräch für mich beendet.
Ohne Diskussion.
Ohne Rechtfertigung.
Ich habe viele Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass ich nicht jedem gefallen muss. Heute weiß ich etwas viel Wichtigeres.
Ich muss mein Team schützen. Ich muss unser Unternehmen schützen. Und ich muss das schützen, was wir uns mit unglaublich viel Arbeit aufgebaut haben. Denn am Ende des Tages ist ein Concept Store nicht die Summe seiner Marken. Er ist die Summe seiner Persönlichkeit.
Und genau deshalb wird das Original immer einen entscheidenden Vorteil haben. Denn eine Seele kann man nicht fotografieren.
In diesem Sinne, überlegt Euch was Neues, ihr Copycats und respektlosen Branchenkollegen. Wir müssen jetzt weiter machen. Es gibt zu viel neue Ideen und Projekte die von uns umgesetzt werden müssen.
Mit Stolz und besten Grüßen
Marlis für Karins Schwester
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