EIN BINNENMARKT, DER FÜR UNS KEINER MEHR IST
Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Text überhaupt schreiben soll. Ob ich einfach still meine Konsequenzen ziehe, meinen Onlineshop umstelle, Länder aus dem Versand nehme und weitermache. So, wie man es als Unternehmer eben ständig macht. Neue Vorschrift, neues Formular, neue Kosten, neue Verpflichtung. Schlucken, lösen, weitermachen.
Aber diesmal möchte ich nicht still sein.
Denn diesmal geht es für mich um etwas Grundsätzliches.
Es geht um Europa. Um diesen großen europäischen Binnenmarkt, von dem uns seit Jahrzehnten erzählt wird, dass er Grenzen abbaut, Handel erleichtert und Unternehmen ermöglicht, ihre Waren innerhalb Europas frei zu verkaufen.
Und dann sitzt du da als kleiner Händler und stellst irgendwann fest: Auf dem Papier gibt es diesen grenzenlosen Markt vielleicht noch. In der Realität wird er für kleine Unternehmen gerade verdammt klein.
Die neuen europäischen Verpackungsregeln und die damit verbundenen nationalen Verpflichtungen sind für große Konzerne vielleicht eine weitere Position in irgendeiner Compliance-Abteilung. Da sitzt jemand, der genau dafür bezahlt wird. Es gibt Rechtsabteilungen, Nachhaltigkeitsbeauftragte, Steuerberater, internationale Dienstleister und Budgets für Registrierungen, Meldungen und Bevollmächtigte.
Und dann gibt es uns.
Kleine Händler.
Menschen, die morgens selbst die Ladentür aufsperren, Pakete packen, Ware bestellen, Rechnungen bezahlen, Produktbilder machen, Texte schreiben, Kundenfragen beantworten, Retouren bearbeiten, Social Media machen und abends noch überlegen, wie sie den nächsten Monat vernünftig überstehen.
Wir haben keine europäische Rechtsabteilung.
Wir haben einen Schreibtisch.
Und irgendwann liegt auf diesem Schreibtisch wieder eine neue Vorschrift.
Natürlich bin ich für Umweltschutz. Natürlich müssen Verpackungen reduziert, recycelt und vernünftig entsorgt werden. Ich glaube nicht, dass irgendein vernünftiger Händler ernsthaft dagegen argumentiert.
Aber Umweltschutz darf nicht bedeuten, dass ein System geschaffen wird, dessen bürokratische Umsetzung für kleine Unternehmen irgendwann wirtschaftlich nicht mehr darstellbar ist.
Denn genau da liegt für mich das Problem.
Wer grenzüberschreitend verkauft, muss sich mit unterschiedlichen nationalen Registrierungssystemen, erweiterten Herstellerverantwortungspflichten, Verpackungslizenzen und je nach Konstellation weiteren Vertretungs- und Meldepflichten beschäftigen. Aus einem Paket, das von Deutschland nach Österreich, Frankreich oder in ein anderes EU-Land fährt, wird regulatorisch plötzlich ein kleines Verwaltungsprojekt.
Und irgendwann rechnest du.
Nicht emotional. Ganz nüchtern.
Was kostet mich dieses Land?
Wie viele Pakete verschicke ich dorthin?
Was kosten Registrierung, Lizenzierung, Dienstleister und Verwaltung?
Wie viel Arbeitszeit kostet mich das?
Welches Risiko gehe ich ein, wenn irgendwo eine Meldung falsch oder eine nationale Besonderheit übersehen wurde?
Und dann kommt der Moment, den wahrscheinlich niemand in Brüssel in einer schönen Präsentation über den europäischen Binnenmarkt zeigen möchte:
Du drückst auf AUS.
Land für Land.
Nicht weil dort niemand bestellen möchte.
Nicht weil du dort nicht verkaufen möchtest.
Sondern weil Bürokratie den Handel wirtschaftlich uninteressant macht.
Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen.
Wir leben in einer Europäischen Union, deren große Errungenschaft der gemeinsame Binnenmarkt sein soll, und kleine Händler beginnen freiwillig wieder Grenzen um ihre Unternehmen zu ziehen.
Das ist doch absurd.
Und mich macht es wütend.
Denn wir haben uns unseren Onlineshop über Jahre aufgebaut. Hinter jeder Bestellung sitzt ein Mensch. Eine Kundin aus Österreich, die vielleicht seit Jahren bei uns bestellt. Eine Kundin aus Italien. Aus Frankreich. Aus den Niederlanden. Menschen, die uns über Instagram gefunden haben, unsere Geschichten verfolgen, unsere Pakete kennen und sich auf ihre Bestellung freuen.
Für mich waren das nie irgendwelche anonymen Exportzahlen.
Das waren unsere Schwestern.
Und jetzt muss ich diesen Menschen erklären, dass wir sie künftig nicht mehr beliefern.
Nicht, weil wir es nicht können.
Sondern weil wir es uns unter den regulatorischen Bedingungen nicht mehr leisten wollen und können.
Das tut weh.
Und besonders bitter finde ich dabei eines: Große Unternehmen werden damit zurechtkommen.
Natürlich werden sie das.
Wer Millionen Pakete verschickt, verteilt die zusätzlichen Compliance-Kosten auf Millionen Bestellungen. Wer dagegen vielleicht 30, 50 oder 100 Pakete pro Jahr in ein bestimmtes Land schickt, muss dieselben grundsätzlichen Strukturen berücksichtigen, obwohl die wirtschaftliche Dimension eine völlig andere ist.
Und damit passiert etwas, über das viel zu wenig gesprochen wird.
Regulierung trifft nicht automatisch jeden gleich hart.
Eine Regel kann für alle gelten und trotzdem die Kleinen viel härter treffen.
Der Konzern stellt jemanden ein.
Der kleine Händler stellt das Land ab.
Der Konzern baut eine neue Compliance-Struktur.
Der kleine Händler verliert einen Markt.
Und am Ende wundert man sich, warum der Handel immer stärker von einigen wenigen großen Plattformen und Konzernen dominiert wird.
Vielleicht sollte man irgendwann anfangen, diese Punkte miteinander zu verbinden.
Wir reden ständig davon, Innenstädte zu retten. Wir reden über Vielfalt. Über inhabergeführten Einzelhandel. Über europäische Unternehmen. Über Mittelstand. Über Digitalisierung. Darüber, dass kleine Händler online gehen müssen, um konkurrenzfähig zu bleiben.
Wir haben genau das gemacht.
Wir sind online gegangen.
Wir haben investiert.
Wir haben Reichweite aufgebaut.
Wir haben Kunden über Grenzen hinweg gewonnen.
Wir haben aus einem kleinen Geschäft in Berchtesgaden einen Onlineshop gemacht, aus dem Pakete durch Europa gingen.
Eigentlich genau die Geschichte, die Europa doch wollen müsste.
Und jetzt?
Jetzt machen wir Grenzen wieder zu.
Am 12. August stellen wir unseren Versand ins EU-Ausland ein.
Dieser Satz tut mir weh.
Österreich liegt von uns praktisch vor der Haustür. Und trotzdem wird künftig an der Grenze Schluss sein.
Das ist für mich kein Fortschritt.
Und nein, ich möchte auch nicht hören, dass man sich eben „darum kümmern“ müsse.
Wir kümmern uns jeden verdammten Tag.
Um Mitarbeiter. Um Lieferanten. Um Kunden. Um Steuern. Um Buchhaltung. Um Datenschutz. Um Produktsicherheit. Um Verpackungen. Um Retouren. Um Kennzeichnungen. Um Rechnungen. Um neue Gesetze. Um Vorschriften und um Fristen.
Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem ein kleiner Unternehmer sagen darf:
Es reicht.
Nicht mit Umweltschutz.
Nicht mit Verantwortung.
Sondern mit einer Form von Bürokratie, die offensichtlich vergessen hat, dass hinter einem Unternehmen nicht immer ein Konzerngebäude mit 500 Mitarbeitern steht.
Manchmal steht dahinter einfach eine Frau in einem kleinen Laden.
Mit einer Idee.
Mit Mut.
Mit Mitarbeitern, für die sie Verantwortung trägt.
Mit Rechnungen auf dem Tisch.
Und mit dem verdammten Willen, ihren Laden auch morgen noch aufzusperren.
Ich liebe Europa.
Vielleicht macht mich genau deshalb diese Entwicklung so wütend.
Denn ein gemeinsamer Markt sollte kleinen Unternehmen Türen öffnen und nicht dafür sorgen, dass sie diese Türen freiwillig wieder schließen müssen.
Wir schließen jetzt einige davon.
Nicht weil wir wollen.
Sondern weil irgendwann auch Unternehmertum eine Grenze hat.
Wie ironisch, dass ausgerechnet Europa sie uns gerade zeigt.
Wie lauten jetzt die letzten Worte? Keine Ahnung. Mir fehlen sie heute.
Deine Marlis
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