Dumme dumm sein lassen

Manchmal sind es tatsächlich die ganz kleinen Dinge, an denen man merkt, dass sich in unserer Gesellschaft etwas verändert hat, und ich meine damit gar nicht die großen politischen oder wirtschaftlichen Themen, über die jeden Tag diskutiert wird, sondern diese winzigen Situationen im Alltag, bei denen ich inzwischen immer häufiger da stehe und mich frage, ob ich vielleicht irgendwann nicht mitbekommen habe, dass bestimmte Dinge, die früher selbstverständlich waren, heute offenbar nicht mehr selbstverständlich sind.

Da geht jemand bei uns durch die Ladentür, kein "Hallo", kein "Grüß Gott", kein Blick, nichts, läuft einmal quer durch den Laden, fasst hier einen Pullover an, nimmt dort eine Tasche hoch, schiebt einen Kleiderbügel zur Seite und ist zehn Sekunden später wieder verschwunden, selbstverständlich ohne "Auf Wiedersehen". Und manchmal kommt noch ein Eis dazu, eine Leberkässemmel oder ein Getränk in der Hand, mit dem dann ganz ungeniert zwischen Kleidung, Taschen und Accessoires herumspaziert wird und wenn wir freundlich darauf hinweisen, dass Essen im Laden vielleicht keine besonders gute Idee ist, wird man angeschaut, als hätte man gerade eine völlig absurde Forderung gestellt. 

Und ich frage mich wirklich: Seit wann ist das eigentlich normal, seit wann betritt man einen Laden, ohne zu grüßen, als wäre er irgendein öffentlicher Durchgang, in dem zufällig ein paar Sachen herumstehen, die man anfassen kann?  Seit wann muss man darüber diskutieren, wenn etwas beschädigt wurde und seit wann sind ein einfaches „Hallo“, „Bitte“, „Danke“ oder „Auf Wiedersehen“ - Dinge, die offenbar nur noch dann benutzt werden, wenn man gerade besonders gute Laune hat?

Vielleicht bin ich altmodisch, aber dann bin ich es ausgesprochen gerne, denn für mich hat das überhaupt nichts mit steifer Etikette oder irgendwelchen Benimmregeln aus dem vergangenen Jahrhundert zu tun, sondern schlicht und einfach mit Respekt und mit der Erkenntnis, dass auf der anderen Seite ebenfalls ein Mensch steht, dem man mit einem Mindestmaß an Höflichkeit begegnen kann.

Genau dieser Respekt scheint mir an vielen Stellen gerade verloren zu gehen, nicht nur bei uns im Laden, sondern auch in der Art, wie Menschen miteinander und vor allem übereinander reden. Ich habe manchmal das Gefühl, wir leben zunehmend in einer Gesellschaft, in der unglaublich viel beobachtet, bewertet, verglichen und kommentiert wird und die Menschen stehen bildlich gesprochen am Gartenzaun und schauen nicht mehr unbedingt, ob es dem anderen gut geht, sondern vor allem darauf, was der andere hat und ob ihm das ihrer Meinung nach überhaupt zusteht: Wie kann die sich diesen Laden leisten, wie kann sie sich jetzt auch noch einen Showroom leisten, ist die Rolex eigentlich echt, was kostet diese Handtasche, warum fährt die ein Cabrio und dann wohnt sie auch noch in einem schönen Haus?

Was mich daran immer wieder fasziniert, ist die Tatsache, dass erstaunlich selten jemand fragt, wie viele Stunden ein Mensch dafür gearbeitet hat, wie viele Jahre es gedauert hat, etwas aufzubauen, wie viele schlaflose Nächte, Sorgen und Fehlentscheidungen dazugehören und wie oft man vielleicht selbst nicht wusste, ob das, was man gerade tut, überhaupt funktionieren wird, denn es fragt keiner nach der Verantwortung, die man jeden Monat trägt, nach Rechnungen, Gehältern, Mieten und Fixkosten, nach Entscheidungen, die getroffen werden müssen oder danach, wie oft man weiterarbeitet, während andere längst Feierabend haben.

Das Ergebnis dagegen interessiert brennend, denn man sieht die Handtasche, aber nicht die Jahre davor; man sieht das Cabrio, aber nicht das unternehmerische Risiko; man sieht einen schönen Laden oder einen Showroom und denkt im schlimmsten Fall, dass einem so etwas irgendwie zugeflogen sein muss und weil man die Geschichte dahinter nicht kennt, baut man sich eben seine eigene zusammen, meistens eine, die sehr viel besser zur eigenen Meinung passt als zur tatsächlichen Realität.

Neid an sich finde ich dabei noch nicht einmal besonders verwerflich, denn vermutlich kennt fast jeder dieses Gefühl, etwas zu sehen und für einen kurzen Moment zu denken, das hätte ich auch gerne, schwierig wird es für mich erst dann, wenn aus diesem Gedanken ein „Warum hat die das überhaupt?“ wird, denn dann geht es nicht mehr um einen eigenen Wunsch, sondern darum, dem anderen seinen Erfolg, sein Glück oder schlicht sein schönes Leben nicht zu gönnen.

Und an diesem Punkt habe ich irgendwann für mich entschieden, dass ich mich nicht mehr rechtfertigen möchte, denn ich werde nicht jedem erklären, warum ich bestimmte Entscheidungen treffe, wie viel ich arbeite, was ich verdiene, was etwas gekostet hat oder warum ich mir irgendwann etwas geleistet habe. Und ich werde ganz sicher nicht meine komplette Lebensbilanz offenlegen, damit irgendjemand überprüfen kann, ob ich mir mein eigenes Leben ausreichend verdient habe. Vor allem werde ich nicht anfangen, mich kleiner zu machen oder Dinge zu verstecken, nur damit sich jemand anderes in seinem eigenen Leben besser fühlt, denn selbst das würde am Ende nichts ändern.

Wer etwas finden will, findet nämlich immer etwas: Wenn du erfolgreich bist, bist du arrogant, wenn du keinen Erfolg hast, hast du es eben nicht geschafft. 

Wenn du dein Leben zeigst, gibst du an, wenn du nichts zeigst, hast du bestimmt etwas zu verbergen.

Wenn du freundlich bist, bist du naiv und sobald du Grenzen setzt, bist du plötzlich unfreundlich.

Und genau dieses Spiel kann man nicht gewinnen, weshalb vielleicht die einzig vernünftige Lösung darin besteht, irgendwann einfach aufzuhören, es überhaupt mitzuspielen.

Und damit wären wir bei meinem heutigen Titel: Dumme dumm sein lassen. Das bedeutet für mich übrigens nicht, dass jeder Mensch, der eine andere Meinung hat, automatisch dumm ist, ganz im Gegenteil, denn ich mag Menschen mit Haltung, ich mag Diskussionen und ich finde unterschiedliche Sichtweisen wichtig, aber was ich nicht mehr mag, sind Respektlosigkeit, Missgunst und dieses permanente Bedürfnis mancher Menschen, sich ungefragt am Leben anderer abzuarbeiten.

Wir können solche Menschen nicht ändern und, wenn ich ganz ehrlich bin, möchte ich meine Energie dafür inzwischen auch gar nicht mehr verschwenden.  Was wir allerdings sehr wohl können, ist Grenzen zu setzen, denn nur zu ignorieren funktioniert leider nicht immer, weil derjenige, der schlechtes Benehmen dauerhaft schweigend hinnimmt, irgendwann möglicherweise feststellt, dass sein Schweigen als Einladung verstanden wurde, noch einen Schritt weiterzugehen.

Deshalb habe ich für mich einen Mittelweg gefunden: Ich muss nicht auf jeden Kommentar reagieren und schon gar nicht jeden Menschen von mir oder meinem Leben überzeugen, aber wenn jemand respektlos wird oder eine Grenze überschreitet, darf ich das benennen.

Wenn jemand mit einem Eis durch meinen Laden läuft, darf ich freundlich sagen, dass ich das nicht möchte; wenn jemand etwas beschädigt, darf ich erwarten, dass dafür Verantwortung übernommen wird und wenn jemand meint, über mein Leben, meinen Laden, meinen Showroom, meine Handtasche, meine Uhr oder mein Auto urteilen zu müssen, dann muss ich diese Diskussion überhaupt nicht erst zu meiner machen.

Vielleicht ist genau das der beste Schutz vor all dem: sich sehr genau zu überlegen, welche Menschen und welche Meinungen überhaupt das Recht bekommen, im eigenen Kopf Platz einzunehmen. Denn nicht jede Bemerkung verdient eine Antwort, nicht jede Provokation eine Reaktion und nicht jedes Gerede eine Rechtfertigung, aber dort, wo Respektlosigkeit beginnt, darf und sollte man eine klare Grenze ziehen.

Ich möchte jedenfalls mein Leben nicht kleiner machen, damit andere weniger zu reden haben, denn Menschen, die unbedingt reden wollen, werden sowieso etwas finden. Denn viel wichtiger ist mir, selbst nicht genauso zu werden, nicht bitter zu werden und mich nicht permanent mit Dingen zu beschäftigen, die ich ohnehin nicht verändern kann. Vielleicht ist das am Ende tatsächlich die ganze Kunst: zu wissen, wann man etwas sagen muss und wann man einfach weitergeht; welche Kritik man sich zu Herzen nimmt und welche man dort lässt, wo sie entstanden ist und vor allem zu verstehen, dass man nicht jeden Menschen überzeugen, nicht jede Diskussion gewinnen und schon gar nicht jedem gefallen muss.

Und manche Menschen, so einfach ist es manchmal, darf man tatsächlich einfach dumm sein lassen :)

In Liebe an meine Schwestern, 

Eure Marlis

Bild wurde mit KI erstellt.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Bitte beachten Sie, dass Kommentare vor der Veröffentlichung freigegeben werden müssen

Diese Website ist durch hCaptcha geschützt und es gelten die allgemeinen Geschäftsbedingungen und Datenschutzbestimmungen von hCaptcha.