DO RUAFT DOCH EH KOANA O!

Gestern war Sonntag, und wer Karins Schwester schon länger verfolgt, weiß, dass Sonntag bei mir super oft  INSTA Shopping Day bedeutet, also genau diese drei, vier manchmal auch fünf Stunden, in denen ich mich ganz bewusst in meinen eigentlich geschlossenen Laden stelle, die Tür zu bleibt, die Welt draußen bleiben darf und wir Schwestern uns auf Instagram einfach nur mit schönen Dingen beschäftigen, mit Mode, neuen Kollektionen, Farben, Trends, Kleidern, Schuhen, Kombinationen und all dem, was vielleicht nicht die großen Probleme dieser Welt löst, aber für ein paar Stunden dafür sorgt, dass diese Probleme nicht auch noch mitten in unserem Wohnzimmer sitzen.

Ich liebe diese Sonntage. Ich liebe sie so sehr.

Ich nehme mir Zeit, ich probiere für meine Follower, Kundinnen, Schwestern an, ich kombiniere, ich erzähle, wir lachen miteinander, wir schreiben uns und manchmal denke ich, dass genau diese kleine Parallelwelt inzwischen etwas ziemlich Wertvolles geworden ist, weil wir alle genug Hässliches sehen, hören und lesen müssen und es deshalb vielleicht gar nicht so verkehrt ist, sich wenigstens für ein paar Stunden ganz bewusst dem Schönen zuzuwenden.

Das wirklich Interessante passiert allerdings manchmal vor meinem Schaufenster.

Denn natürlich laufen sonntags Menschen vorbei, sehen mich im Laden stehen und sind offenbar vollkommen überfordert mit der Tatsache, dass sich ein Mensch in seinem (eigenen) Geschäft befinden kann, obwohl die Ladentür geschlossen ist.

Manche starren.

Manche rütteln wirklich an der Tür.

Manche schütteln demonstrativ den Kopf.

Und manche müssen kommentieren.

Gestern blieb ein Ehepaar vor meinem Schaufenster stehen und entdeckte unseren Follower-Counter, auf dem zu diesem Zeitpunkt 43.503 stand. Live. Minutengenaue Anzeige von realem Followerstand.

Sie schaut auf die Zahl und fragt ihren Mann auf Bayerisch:

„Is des die Telefonnummer von dem Lodn?“

Und er, mit diesem herrlich selbstzufriedenen Unterton eines Menschen, der gerade glaubt, den intellektuellen Höhepunkt seines Sonntags erreicht zu haben: „Do ruaft doch eh koana o!“

Sie lacht. Er lacht.
Und ich musste auch lachen.

Allerdings nicht mit ihnen. Sondern über diese unglaubliche menschliche Fähigkeit, sich über etwas lustig zu machen, das man nicht einmal verstanden hat.

Denn man muss sich diese Szene einmal auf der Zunge zergehen lassen: Zwei erwachsene Menschen stehen vor einem Geschäft, sehen eine Zahl, wissen offensichtlich nicht, was diese Zahl bedeutet, fragen auch nicht nach, denken keine drei Sekunden darüber nach, sondern entscheiden sich stattdessen innerhalb kürzester Zeit dafür, das, was sie nicht verstehen, abzuwerten.

Und genau das ist für mich inzwischen eines der großen gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit.

Was ich nicht verstehe, mache ich lächerlich.

Was ich nicht kenne, ist Quatsch.

Was ich selbst nicht erreicht habe, kann gar nicht so besonders sein.

Was ein anderer aufgebaut hat, wird kleingeredet.

Was schön ist, bekommt einen hässlichen Kommentar.

Was erfolgreich ist, wird verdächtig.

Was auffällt, muss runtergezogen werden.

Und wenn ich selbst gerade nichts vorzuweisen habe, dann finde ich eben einen Grund, warum das, was der andere vorzuweisen hat, sowieso nichts wert ist.

Es ist so durchschaubar. Und inzwischen auch so langweilig.

Ich habe lange geglaubt, dass Menschen mit zunehmendem Alter automatisch souveräner, großzügiger und klüger werden, aber ich muss leider feststellen, dass manche Menschen lediglich älter werden, während der Rest irgendwo unterwegs verloren gegangen sein muss.

Denn Intelligenz zeigt sich für mich nicht darin, dass man alles weiß. Intelligenz zeigt sich darin, dass man neugierig bleibt, wenn man etwas nicht weiß.

Man hätte nämlich auch sagen können:

„Schau mal, was ist denn das für eine Zahl?“

Man hätte hinschauen können.

Man hätte vielleicht verstanden, dass dort 43.503 Menschen stehen, die sich freiwillig entschieden haben, einer kleinen inhabergeführten Firma aus Berchtesgaden auf Instagram zu folgen.

Aber dafür hätte man neugierig sein müssen.

Und Neugier ist anstrengender als Häme.

Häme braucht nämlich überhaupt nichts.

Keine Bildung.

Keine Fantasie.

Keine Leistung.

Keine Idee.

Man braucht dafür lediglich einen Mund. Und genau deshalb beeindruckt mich das Gerede anderer Menschen inzwischen so wenig.

Denn ich habe eines verstanden: Nicht jede Meinung verdient automatisch Bedeutung, nur weil irgendein Mensch sie laut ausspricht. Das ist vielleicht eine der wichtigsten Erkenntnisse meines Erwachsenenlebens.

Früher hätte mich so etwas geärgert.

Heute schaue ich hin und denke mir: Wie praktisch, du erklärst mir gerade innerhalb von zwanzig Sekunden sehr ausführlich, mit wem ich es zu tun habe, ohne dass ich auch nur ein einziges Gespräch mit dir führen musste. Danke für die Zeitersparnis.

Und vielleicht sollten wir alle viel öfter damit aufhören, Menschen hinterherzulaufen, die uns ohnehin nicht verstehen wollen.

Wir müssen nicht jeden überzeugen.

Wir müssen uns nicht vor jedem erklären.

Und vor allem müssen wir uns nicht kleiner machen, nur damit sich jemand anderes für einen kurzen Moment größer fühlen kann. Denn genau das ist doch häufig der Mechanismus dahinter.

Wenn ich dich kleinrede, fühle ich mich größer.

Wenn ich deinen Erfolg lächerlich mache, muss ich mich mit meinem eigenen Stillstand nicht beschäftigen.

Wenn ich deine Idee für bescheuert erkläre, muss ich mich nicht fragen, wann ich selbst zuletzt eine hatte.

Wenn ich sage, dass deine 43.503 Follower sowieso nichts bedeuten, muss ich mir nicht eingestehen, dass du vielleicht jahrelang etwas aufgebaut hast, während ich gerade vor deinem Schaufenster stehe und darüber lache.

Das ist menschlich. Aber besonders beeindruckend ist es nicht.

Und deshalb möchte ich heute gar nicht darüber schreiben, wie böse Neid und Missgunst sind und dass wir doch bitte alle wieder lieb zueinander sein sollen.

Nein.

Ich möchte etwas anderes sagen:

Lasst die Dummen dumm sein.

Ihr müsst nicht jeden retten.

Ihr müsst nicht jeden aufklären.

Ihr müsst nicht jeden Menschen davon überzeugen, dass eure Arbeit einen Wert hat.

Und ihr müsst schon gar nicht eure Lebensenergie dafür verschwenden, euch vor Menschen zu rechtfertigen, deren Horizont exakt dort endet, wo etwas beginnt, das sie selbst nicht kennen.

Lasst sie lachen.

Lasst sie lästern.

Lasst sie den Kopf schütteln.

Lasst sie euch unterschätzen.

Es gibt kaum etwas Bequemeres, als unterschätzt zu werden. Während andere nämlich noch darüber diskutieren, ob das, was ihr macht, überhaupt funktionieren kann, seid ihr schon drei Schritte weiter.

Während sie eure Ideen belächeln, setzt ihr die nächste um.

Während sie erzählen, warum etwas nicht geht, macht ihr es.

Während sie am Straßenrand stehen und kommentieren, fahrt ihr längst weiter.

Und genau deshalb werde ich auch weiterhin sonntags in meinem geschlossenen Laden stehen und meinen INSTA Shopping Day machen, werde viele  Stunden lang Mode zeigen, Kombinationen erklären, mit meinen Schwestern lachen und eine Community feiern, die inzwischen größer ist als so manche Kleinstadt. Auch als diese in der ich wohne. Viel größer. Überlegt mal, eine Stadt mit 43.503 Einwohnern. 

Vielleicht stehen draußen dann wieder Menschen.

Vielleicht schüttelt dann wieder jemand den Kopf.

Vielleicht wird dannwieder gelästert.

Und vielleicht glaubt irgendwann dann wieder jemand, dass die Zahl in meinem Schaufenster meine Telefonnummer ist.

Dann soll er das glauben.

Ich habe aufgehört, mich für die Grenzen anderer Menschen verantwortlich zu fühlen. Denn das Schönste am Erfolg ist nicht, dass irgendwann alle klatschen.

Das Schönste ist, dass einem irgendwann vollkommen egal wird, wer nicht klatscht.

43.503 Menschen.

Keine Telefonnummer.

Keine zufällige Zahl.

Sondern 43.503 Menschen, die Karins Schwester folgen.

Und während zwei Menschen davorstanden und sich köstlich darüber amüsierten, dass bei mir angeblich „eh koana“ anruft, habe ich drinnen genau das gemacht, was ich seit Jahren mache:

Ich habe gearbeitet.

Ich habe aufgebaut.

Ich habe weitergemacht.

Und ich habe gelacht. Vielleicht sogar ein bisschen lauter als die beiden. Denn es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen uns:

Sie standen vor meinem Schaufenster und haben über etwas gelacht, das sie nicht verstanden haben.

Ich stand hinter meinem Schaufenster, mitten in etwas, das ich aufgebaut habe.

Und wenn ich mich entscheiden müsste, auf welcher Seite der Scheibe ich lieber stehe, müsste ich keine Sekunde überlegen.

Also, meine lieben Schwestern: Wenn euch das nächste Mal jemand belächelt, kleinredet oder euch mit dieser herrlich selbstgerechten Überheblichkeit erklären möchte, warum das, was ihr macht, angeblich nichts wert ist, dann spart euch die Rechtfertigung.

Lächelt. Dreht euch um. Macht weiter.

Denn während manche Menschen ihr Leben damit verbringen, vom Straßenrand aus zu kommentieren, was andere tun, gibt es andere, die längst unterwegs sind. Und ich weiß sehr genau, zu welcher Gruppe ich gehören möchte.

In diesem Sinne:

„Do ruaft doch eh koana o!“

Stimmt. Müssen sie nicht. Die Schwestern sind schon längst da.

Mit bestem Gruß, Marlis.
Für Karins Schwester. 

Bild wurde mit KI erstellt.

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