Die engsten Orte liegen nicht auf der Landkarte

Manche Menschen glauben, die engsten Orte dieser Welt seien kleine Dörfer irgendwo zwischen Bergen, Feldern oder Wäldern. Früher habe ich das auch gedacht. Heute glaube ich etwas anderes. Die engsten Orte liegen nicht auf der Landkarte. Sie liegen in den Köpfen.

Ich habe von 1997 bis 2000 in London gelebt. Damals war das Internet noch nicht das Zentrum unseres Lebens. Man konnte nicht jeden Tag durch die Welt scrollen und sich einbilden, alles zu kennen.
Man musste hinausgehen, Menschen treffen, Gespräche führen und Erfahrungen sammeln. London war für mich wie das Öffnen eines Fensters. Plötzlich war da eine Welt voller Menschen, die unterschiedlich aussahen, unterschiedlich dachten und unterschiedlich lebten.
Niemand interessierte sich dafür, woher jemand kam. Niemand fragte, warum jemand so angezogen war. Niemand diskutierte darüber, ob jemand in eine bestimmte Schublade passte oder nicht. Die Menschen lebten ihr Leben. Sie gingen ihrer Arbeit nach, trafen Freunde, verliebten sich, machten Fehler und standen wieder auf. Natürlich gab es auch dort Probleme. Aber diese ständige Beschäftigung mit dem Leben anderer Menschen, die ich später so oft erlebt habe, spielte dort eine viel kleinere Rolle. Wenn überhaupt. 

Ab 2010 ging es immer zwischen Hamburg und Hongkong hin und her. Hongkong, eine Stadt, die so voller Energie ist, dass man manchmal das Gefühl hat, sie schläft nie. Millionen Menschen auf engstem Raum, Kulturen aus aller Welt, Sprachen aus allen Teilen des Globus. Wer dort durch die Straßen läuft, merkt sehr schnell, wie klein die eigene Perspektive manchmal ist.
Was mich dort beeindruckt hat, waren nicht die Hochhäuser. Es waren auch nicht die Geschäfte oder die beeindruckende Skyline. Es war die Freiheit. Die Freiheit, einfach zu sein. Die Freiheit, anders zu sein. Die Freiheit, seinen eigenen Weg zu gehen, ohne ständig erklärt zu bekommen, warum dieser Weg angeblich falsch ist. Natürlich bedeutet das nicht, dass alle Menschen dort tolerant und offen sind. So einfach ist die Welt nicht.
Aber die Grundhaltung war eine andere. Leben und leben lassen war keine Floskel. Es war etwas, das man im Alltag spüren konnte.
Wenn man solche Orte erlebt hat, verändert sich etwas. Man beginnt zu verstehen, dass die eigene Sicht auf die Welt eben nur eine Sicht von vielen ist. Dass andere Menschen andere Erfahrungen gemacht haben. Dass es nicht nur einen richtigen Lebensweg gibt. Nicht nur eine richtige Meinung. Nicht nur eine richtige Art zu leben.


Vielleicht fällt mir deshalb manches in Deutschland heute so schwer.
Dabei meine ich nicht Deutschland als Ganzes. Ich habe viele wunderbare Menschen kennengelernt. Menschen, die neugierig sind, offen, interessiert und herzlich.
Aber ich habe auch das Gefühl, dass vieles enger geworden ist.
Wir leben in einer Zeit, in der wir theoretisch die ganze Welt kennenlernen könnten. Wir können in wenigen Stunden auf einem anderen Kontinent sein. Wir können mit Menschen auf der anderen Seite des Planeten sprechen. Wir können Kulturen entdecken, Bücher lesen, Dokumentationen ansehen und unseren Horizont erweitern.

Und trotzdem habe ich manchmal den Eindruck, dass viele Menschen sich immer weiter zurückziehen. Nicht räumlich. Gedanklich.
Sie wollen keine anderen Sichtweisen hören.
Sie wollen keine neuen Ideen.
Sie wollen keine Veränderungen.
Sie wollen vor allem Recht haben.
Mich nerven nicht Menschen mit einer Meinung. Jeder Mensch hat das Recht auf seine Meinung.
Mich nerven Menschen, die glauben, ihre Meinung sei die einzige, die zählt.
Das begegnet mir immer wieder.

Menschen, die sich selbst zum Maßstab für alles machen. Menschen, die automatisch davon ausgehen, dass ihr Lebensmodell das richtige ist. Dass ihre Vorstellungen von Erfolg, Familie, Arbeit, Freizeit oder Glück für alle anderen gelten müssen.

Dabei ist die Welt doch viel größer.
Nicht jeder möchte dasselbe Leben führen.
Nicht jeder träumt von denselben Dingen.
Nicht jeder definiert Erfolg gleich.
Und genau das macht eine Gesellschaft interessant.

Ich habe nie verstanden, warum manche Menschen sich so sehr daran stören, wenn jemand anders lebt als sie selbst. Warum triggert es jemanden, wenn eine Frau sich anders anzieht? Warum regt es Menschen auf, wenn jemand ungewöhnliche Ideen hat? Warum wird so oft versucht, andere wieder zurück in die Reihe zu stellen?

Vielleicht, weil das Unbekannte verunsichert.
Vielleicht, weil Veränderungen Angst machen.
Vielleicht aber auch, weil es einfacher ist, andere zu kritisieren, als sich selbst zu hinterfragen.

Ich habe in meinem Leben viele Orte gesehen. Große Städte, kleine Orte, verschiedene Länder und unterschiedliche Kulturen. Und je mehr ich gesehen habe, desto vorsichtiger bin ich mit Urteilen geworden.
Denn die Wahrheit ist: Man lernt nie aus.
Jeder Mensch weiß etwas, das man selbst nicht weiß.
Jeder Mensch trägt Erfahrungen in sich, die man selbst nie gemacht hat.
Jeder Mensch sieht die Welt aus einem anderen Blickwinkel.

Genau deshalb finde ich Neugier so wichtig. Neugier hält den Kopf beweglich. Sie verhindert, dass man sich einmauert. Sie erinnert einen daran, dass die eigene Wahrheit nicht die einzige Wahrheit ist.
Man muss nicht jede Meinung teilen. Man muss nicht jeden Lebensstil gut finden. Man muss nicht mit allem einverstanden sein. Aber man kann akzeptieren, dass andere Menschen ihren Weg gehen.

Vielleicht ist das die eigentliche Form von Weltoffenheit.
Nicht wie viele Länder man besucht hat.
Nicht wie viele Flugmeilen man gesammelt hat.
Nicht wie viele Fremdsprachen man spricht.
Sondern ob man bereit ist, anzuerkennen, dass die Welt größer ist als die eigene Erfahrung.

Die engsten Orte liegen deshalb nicht auf der Landkarte.
Sie liegen nicht in Dörfern, Städten oder Ländern.
Sie liegen dort, wo Menschen aufhören zuzuhören.
Dort, wo Neugier durch Rechthaberei ersetzt wird.
Dort, wo andere Sichtweisen nicht mehr als Bereicherung gesehen werden, sondern als Bedrohung.

Und die weitesten Orte?
Die können überall sein.
In London.
In Hongkong.
In Berchtesgaden.

Oder direkt vor der eigenen Haustür.
Vorausgesetzt, man lässt die Fenster im Kopf offen.

In Gedanken an meine Freiheit,
Eure Marlis 


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