Die Angst vor der Frau, die ihr eigenes Leben lebt

Es gibt ein Phänomen, das mich seit Jahren fasziniert. Nicht nur hier in Berchtesgaden, hier aber über ausgeprägt, sondern überall dort, wo Menschen lange genug auf engem Raum zusammenleben. Es ist die unglaubliche Energie, die manche Menschen dafür aufbringen, sich mit dem Leben anderer zu beschäftigen.

Nicht bewundernd. Nicht interessiert. Nicht neugierig. Sondern kontrollierend. Bewertend. Kommentierend.

Manchmal frage ich mich ernsthaft, woher diese unglaubliche Ausdauer kommt.

Da wird beobachtet, wer wann wo parkt. Wer mit wem unterwegs ist. Wer sich was gekauft hat. Wer wie viel arbeitet. Wer wie viel Urlaub macht. Wer zugenommen hat. Wer abgenommen hat. Wer sich die Haare anders färbt. Wer plötzlich Lippenstift trägt. Wer keinen Lippenstift trägt. Wer ein neues Auto fährt. Wer kein neues Auto fährt.

Es ist ein Vollzeitjob. Unbezahlt zwar. Aber mit beeindruckender Hingabe ausgeführt. Und irgendwann ist mir etwas aufgefallen.

Es trifft fast nie die Frauen, die sich komplett angepasst haben. Es trifft immer die Frauen, die ihr eigenes Ding machen.

Die Frau, die gründet.

Die Frau, die auffällt.

Die Frau, die etwas wagt.

Die Frau, die sagt, was sie denkt.

Die Frau, die sich morgens noch die Mühe macht, sich hübsch anzuziehen.

Die Frau, die nicht aussieht, als hätte sie ihr Leben vor zwölf Jahren irgendwo zwischen Wäschekorb und Einkaufszettel abgegeben.

Genau diese Frauen sorgen regelmäßig für Gesprächsstoff. Und ich frage mich oft: Warum eigentlich?

Warum beschäftigt es manche Menschen so sehr, wenn eine andere Frau Freude an Mode hat?

Warum stört es manche Menschen, wenn eine Frau keine Funktionskleidung trägt, sondern etwas, das einfach nur schön aussieht?

Warum muss überhaupt kommentiert werden, wie jemand lebt?

Ich glaube mittlerweile, dass die Antwort viel einfacher ist, als wir denken.

Denn die meisten Menschen lästern nicht über Dinge, die ihnen völlig egal sind, sondern über Dinge, die etwas in ihnen auslösen, sie beschäftigen, sie an etwas erinnern oder vielleicht sogar an Entscheidungen, die sie selbst nie getroffen haben.

Denn seien wir ehrlich: Eine Frau, die selbstbewusst durchs Leben geht, ist für viele Menschen überraschend unbequem, nicht weil sie etwas falsch macht, sondern weil sie sichtbar macht, dass es auch anders geht, dass man mit Mitte vierzig noch Träume haben, ein Unternehmen gründen, Risiken eingehen, sich für Mode interessieren, reisen und neugierig bleiben kann und dass das Leben nicht automatisch vorbei ist, nur weil man eine bestimmte Altersgrenze überschritten hat.

Und genau das scheint manche Menschen zu irritieren, vielleicht weil sie selbst irgendwann aufgehört haben, an ihre eigenen Möglichkeiten zu glauben, vielleicht weil sie sich eingerichtet haben oder weil es einfacher ist, über andere zu sprechen, als sich mit den eigenen unerfüllten Wünschen zu beschäftigen.

Ich habe in den letzten Jahren gelernt, dass Erfolg erstaunlich viele Menschen triggert, wobei ich nicht einmal von großem Erfolg rede, denn oft reicht es schon, sichtbar zu sein, etwas aufzubauen, sich nicht zu verstecken und eine eigene Meinung zu haben.

Plötzlich wird diskutiert, bewertet und analysiert, und manchmal habe ich das Gefühl, manche Menschen kennen mein Leben besser als ich selbst, zumindest glauben sie das.

Das Lustige ist nur: Die meisten dieser Geschichten existieren ausschließlich in ihren Köpfen. Sie kennen weder meine Sorgen noch meine Ängste, sie kennen nicht die schlaflosen Nächte, die Rechnungen, die Verantwortung, die Risiken oder die Momente, in denen man kurz davor ist, alles hinzuschmeißen.

Sie sehen das Ergebnis und erfinden den Rest. Das ist natürlich deutlich einfacher. Ich glaube, viele Menschen unterschätzen, wie viel Zeit sie damit verschwenden, sich mit anderen zu beschäftigen, und wenn dieselbe Energie stattdessen in das eigene Leben, in eigene Ideen, Projekte, Träume und Dinge fließen würde, die wirklich Freude machen, dann wäre vermutlich erstaunlich viel möglich.

Stattdessen wird analysiert, wer was anhatte, wer wo gesehen wurde, wer was gepostet und wer was gekauft hat, während ein weiteres Jahr vergeht, dann noch eins und noch eins.

Ich persönlich habe irgendwann beschlossen, bei diesem Spiel nicht mehr mitzumachen, nicht weil ich über den Dingen stehe, sondern weil mir die Zeit dafür schlicht zu schade geworden ist. Das Leben ist kurz, viel kürzer, als wir glauben, und je älter ich werde, desto weniger Interesse habe ich daran, über Menschen zu sprechen, die nicht im Raum sind. Mich interessieren die Menschen, die vor mir stehen, genauso wie Ideen, Unternehmen, Reisen, Bücher, Mode, Kunst, Musik, Geschichten und Menschen, die etwas erschaffen, sich weiterentwickeln und ihre Neugier nicht verloren haben.

Vielleicht ist das am Ende der eigentliche Unterschied: Die einen beobachten das Leben, während die anderen es leben; die einen sprechen darüber, was andere tun, während die anderen zu beschäftigt sind, ihre eigenen Dinge umzusetzen.

Und wenn ich die Wahl habe, möchte ich immer zu der zweiten Gruppe gehören. Denn ganz ehrlich? Wenn jemand seine Zeit damit verbringt, über meine Kleidung, meinen Laden, mein Unternehmen oder mein Leben zu sprechen, sagt das am Ende wahrscheinlich weniger über mich aus als über den Menschen, der darüber spricht.

Und genau deshalb schlafe ich nachts inzwischen ziemlich gut. Während andere noch überlegen, was ich wohl morgen wieder falsch machen könnte. Oder was sagen könnte. Oder wie ich es sagen könnte. 

Da habe ich ein gesundes LMAA im Kopf und werde diese Frauen morgen im Dorf wieder mit meiner großen Sonnenbrille anlächeln, wenn ich sie in ihrer Funktionskleidung lästern höre ;-) 

Liebe Grüße, Marlis.
Und heute spreche ich für alle Frauen, denen es genauso geht.


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