Denkst du auch in letzter Zeit so oft an früher?

Ich erwische mich in letzter Zeit immer öfter dabei, wie ich einfach gedanklich verschwinde, mitten am Tag, zwischen zwei Sätzen, zwischen zwei To-dos, als würde mein Kopf sagen „warte kurz, das hier ist mir gerade alles zu laut“, und dann bin ich plötzlich nicht mehr hier, sondern irgendwo ganz woanders, irgendwo früher, irgendwo leichter, irgendwo, wo sich Dinge nicht so schwer angefühlt haben wie heute.

Es ist kein bewusstes Erinnern, kein romantisches Zurückblicken, es passiert einfach, fast wie ein Reflex, und dann sehe ich Bilder, die so klar sind, dass ich sie greifen könnte, ich höre Stimmen, ich rieche Orte, ich fühle Situationen, und für einen kurzen Moment fühlt sich alles wieder genau so an wie damals, unaufgeregt, selbstverständlich, echt.

Ich denke an meine Familie, an diese Zeiten, in denen alles irgendwie einfacher war, nicht weil das Leben einfacher war, sondern weil ich anders war, weniger vorsichtig, weniger skeptisch, weniger müde von Menschen, ich denke an alte Freunde, an dieses völlig unkomplizierte Miteinander, dieses „wir sind einfach“, ohne Erwartungen, ohne unterschwellige Spannungen, ohne dieses ständige Abtasten, wer wie meint, was wie gemeint ist.

Und heute? Heute denke ich so oft, ich möchte das alles gar nicht mehr, diese sogenannten Freundschaften, diese oberflächlichen Verbindungen, dieses ständige Gefühl, dass alles eine Rolle hat, eine Funktion, ein Nutzen, ich merke immer mehr, wie mich das abtörnt, wie ich mich innerlich zurückziehe, weil ich diese Art von Nähe nicht mehr ertrage, dieses Halbe, dieses Unechte, dieses Dauerlächeln ohne Tiefe.

Früher war nicht alles perfekt, ganz sicher nicht, aber es hatte etwas Ehrliches, etwas Ungefiltertes, man hat sich getroffen, weil man sich sehen wollte, nicht weil es in irgendeinen Kalender gepasst hat, man hat geredet, ohne jedes Wort zu wiegen, ohne Angst, falsch verstanden zu werden, und wenn doch, dann hat man es geklärt, direkt, nicht in tausend Zwischentönen, die einen heute irgendwann einfach nur noch erschöpfen.

Ich denke an meine Schulzeit, an diese seltsame Mischung aus Unsicherheit und völliger Freiheit, an Tage, die sich gezogen haben und gleichzeitig wie im Flug vergangen sind, an dieses Gefühl, dass alles noch offen ist, dass alles möglich ist, und dass man sich selbst noch nicht ständig hinterfragt, bewertet, einordnet.

Und dann diese Jahre danach, meine Jobs, meine Stationen, diese unzähligen Kapitel, die sich damals oft einfach nur wie der nächste Schritt angefühlt haben, aber heute sehe ich, wie sehr sie mich geprägt haben, wie viel ich erlebt habe, wie viel ich gesehen habe, wie viel ich gefühlt habe, und wie selbstverständlich ich das alles genommen habe.

Vor allem das Reisen, dieses grenzenlose Gefühl, einfach loszugehen, neue Orte zu entdecken, neue Menschen, neue Energien, 42 Einreisestempel von den USA im Pass, meine alten Heimatorte wie Regensburg, Nürnberg, Hamburg und mein geliebtes Hongkong, ich sehe mich irgendwo zwischen Flughäfen, Hotelzimmern, Straßen, Cafés, irgendwo zwischen Ankommen und Weiterziehen und dieses Gefühl, dass die Welt offen ist, dass man sich treiben lassen kann, dass man nicht ständig alles kontrollieren muss.

Ich frage mich dann oft, was aus all diesen Menschen geworden ist, aus den Begegnungen, die so intensiv waren, dass man dachte, sie bleiben für immer, aus den Freundschaften, die irgendwann einfach leiser geworden sind, ohne Streit, ohne Bruch, einfach verschwunden, ich frage mich, was sie heute machen, ob sie auch manchmal zurückdenken, ob sie sich auch fragen, wie das alles war, ob sie dieses Ziehen auch kennen.

Und dann kommt diese Sehnsucht, die man kaum erklären kann, weil sie nicht nur traurig ist, sondern auch schön, fast warm, wie ein Echo von etwas, das einmal sehr lebendig war, eine Erinnerung daran, dass das alles echt war, dass es Bedeutung hatte, dass es mich geprägt hat.

Und gleichzeitig sitze ich hier im Heute und merke, wie schwer sich vieles anfühlt, wie anstrengend diese Zeit geworden ist, wie viel sich verändert hat, wie viel lauter alles geworden ist, wie viel künstlicher, wie viel berechneter, ich habe oft das Gefühl, ich passe da nicht rein, in diese Dynamiken, in dieses ständige Funktionieren, dieses dauernde Präsentieren, dieses „man muss“, „man sollte“, „man darf nicht“.

Ich merke, wie mich viele Menschen heute eher ermüden als bereichern, wie schnell ich innerlich abschalte, wenn Gespräche nur noch aus Oberflächlichkeiten bestehen, aus Meinungen, die keine Substanz haben, aus Haltungen, die mehr Pose sind als Überzeugung, und ich denke mir oft, ich will das nicht, ich brauche das nicht, ich habe darauf keine Lust mehr.

Es ist, als hätte sich die Qualität von Verbindung verändert, als wäre Tiefe etwas geworden, das man suchen muss, während sie früher einfach da war, und vielleicht ist das naiv gedacht, vielleicht verkläre ich manches, aber dieses Gefühl lässt sich nicht wegdiskutieren.

Ich merke, wie ich mich zurückziehe, nicht aus Schwäche, sondern aus Klarheit, weil ich genau weiß, was ich nicht mehr möchte, weil ich keine Energie mehr verschwenden will an Dinge und vor allem Menschen, die mich leer zurücklassen, und gleichzeitig entsteht dadurch natürlich auch eine gewisse Einsamkeit, nicht im klassischen Sinne, sondern eher so ein stilles Wissen, dass man nicht mehr überall dazugehört.

Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem diese Gedanken an früher so stark werden, weil sie mich daran erinnern, wie es sich anfühlt, wenn Dinge leicht sind, wenn Verbindungen echt sind, wenn man nicht ständig aufpassen muss, wenn man einfach ist, ohne sich zu erklären.

Ich denke an meine alte Heimat, an Regensburg, an Hamburg, an Hongkong, an all diese Orte, die so viel von mir gesehen haben, die mich begleitet haben, die mich geformt haben, ich denke an Straßen, an Cafés, an Wohnungen, an Umzüge, an Abende, an Gespräche und ich merke, wie sehr diese Erinnerungen in mir arbeiten, wie präsent sie sind, wie lebendig.

Und dann schaue ich ins Heute und frage mich manchmal, wann genau dieser Shift passiert ist, wann alles komplizierter wurde, wann dieses Gefühl von Leichtigkeit einem Gefühl von Schwere gewichen ist, wann aus Neugier Vorsicht wurde, wann aus Offenheit Abgrenzung wurde.

Ich spüre und sehe diese Enge, die mir nicht gut tut und welche mir den Hals abschnürt. Wohin verschwinden die ganzen kreativen Geister? Wo ziehen sie hin? 

Vielleicht ist es das Leben selbst, vielleicht ist es Erfahrung, vielleicht ist es auch einfach diese Zeit, in der wir gerade leben, die so viel fordert, so viel verlangt, so wenig Raum lässt für echtes Innehalten, für echtes Sein.

Aber ich glaube nicht, dass es nur das ist, ich glaube, es ist auch eine Entscheidung, eine Entwicklung, ein Bewusstsein, das sich verändert hat, und vielleicht gehört diese Sehnsucht nach früher genau dazu, nicht als Flucht, sondern als Erinnerung daran, was möglich ist, was einmal da war und vielleicht immer noch da ist, nur leiser.

Ich merke, dass ich nicht zurück will im klassischen Sinne, ich will nicht mein Leben nochmal von vorne leben, aber ich vermisse dieses Gefühl, diese Selbstverständlichkeit, diese Leichtigkeit, dieses Vertrauen ins Leben und in Menschen.

Und vielleicht ist genau das die eigentliche Frage, die sich dahinter verbirgt, nicht „war früher alles besser“, sondern „wie schaffe ich es, mir genau dieses Gefühl wieder zurückzuholen, trotz allem, was heute ist“.

Denn wenn ich ehrlich bin, dann ist es nicht die Vergangenheit, die ich suche, sondern dieses Gefühl von mir selbst, das ich damals hatte, dieses Unbeschwerte, dieses Klare, dieses Offene, und vielleicht liegt genau darin die Antwort, nicht im Zurückgehen, sondern im Wiederfinden.

Und vielleicht ist dieses ständige Denken an früher gar kein Zeichen von Wehmut, sondern ein stiller Hinweis, dass ich mir selbst wieder näher kommen möchte, jenseits von all dem, was mich heute manchmal so unglaublich müde macht.

In Liebe 

Marlis


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