Über das Jammern vom deutschen Einzelhandel - und ja, es geht anders

Es gibt derzeit kaum etwas Ermüdenderes als den öffentlichen Auftritt großer Teile des deutschen Einzelhandels. Dieses kollektive Klagen, dieses permanente Hinweisen auf leere Straßen, leere Läden und angeblich fehlende Perspektiven. Gefilmt im Hochformat, unterlegt mit melancholischer Musik, begleitet von einem nachdenklichen Blick aus dem Schaufenster.

Der Subtext ist fast immer derselbe: Wir können nichts dafür. Wirklich nichts. Die Umstände sind schuld.

Die Politik.

Die Wirtschaft.

Die Baustelle vor dem Laden.

Das Wetter.

Der Onlinehandel – gern auch nur als „das große A“.

Social Media.

Oder die Kunden, die angeblich nichts mehr wertschätzen.

Es entsteht ein Chor aus Erklärungen – aber selten aus Ideen.

Was dabei oft fehlt, ist weniger Schuldzuweisung nach außen, sondern der Blick nach innen. Die Frage: Was können wir selbst verändern? Denn während viel Energie darauf verwendet wird, Gründe zu benennen, warum etwas nicht funktioniert, bleibt erstaunlich wenig Raum für Ehrgeiz, Neugier oder Gestaltungswillen.

Statt Menschen aktiv einzuladen, wird ihre Abwesenheit dokumentiert. Als wäre Mitleid eine nachhaltige Geschäftsstrategie.

Das ist sie nicht.

Dieses öffentliche Jammern ist nicht nur unerquicklich, es wirkt auch nach außen. Wer kommuniziert, dass er müde, frustriert oder resigniert ist, sendet ein klares Signal. Und Kunden sind sensibel. Niemand kauft gern bei jemandem, der selbst nicht mehr an sein Tun glaubt. Niemand lässt sich von Frust inspirieren. Niemand betritt gern einen Raum, der sich innerlich bereits verabschiedet hat.

Besonders hartnäckig hält sich dabei ein Satz: Online macht den stationären Handel kaputt.

Das ist zu kurz gedacht.

Online ist kein Gegner. Online ist ein Verstärker. Eine Bühne. Ein Werkzeug. Noch nie war es so einfach, Menschen zu erreichen, Geschichten zu erzählen, Begehrlichkeit zu erzeugen und neue Kunden zu gewinnen. Marketing war nie demokratischer, direkter und zugänglicher als heute.

Wer das nicht nutzt, hat selten ein strukturelles Problem. Meist ist es ein Haltungsproblem.

Statt Online als Chance zu begreifen, wird es verteufelt. Statt Social Media als Einladung zu verstehen, wird es als Bedrohung inszeniert. Während manche über Reichweite klagen, erarbeiten andere sie sich. Sichtbarkeit fällt nicht vom Himmel – sie ist das Ergebnis von Arbeit.

Und ja, das ist der Teil, den man ehrlich benennen muss:

Es ist Arbeit. Viel Arbeit. Kontinuierliche Arbeit.

Es braucht Ideen – nicht einmal im Jahr, sondern regelmäßig.

Es braucht Mut, sich zu zeigen.

Es braucht Energie, sichtbar zu bleiben.

Und es braucht Nächte, in denen man nicht schläft, weil man wieder überlegt, wie man besser, klarer und relevanter wird.

Hier trennen sich die Wege.

Nicht zwischen Gut und Böse. Sondern zwischen Passivität und Verantwortung.

Unternehmersein ist kein Nostalgieprojekt. Es geht nicht darum, wie es früher war, sondern darum, wie es heute funktioniert. Wer darauf wartet, dass Kunden allein wegen Lage, Tradition oder Schaufensterdekoration kommen, wartet an der falschen Stelle.

Viele Läden sind nicht leer, weil die Zeiten grundsätzlich schlecht sind.

Sie sind leer, weil sie für ihre Zielgruppe keine Bedeutung mehr haben.

Keine klare Haltung.

Keine erkennbare Geschichte.

Keine Energie.

Keine Einladung.

Ware allein reicht nicht mehr – und das ist keine Bedrohung, sondern eine Chance. Denn wer mehr zu erzählen hat als Öffnungszeiten, wird gehört.

Der deutsche Einzelhandel leidet weniger an äußeren Umständen als an einer sehr bequemen Komfortzone. An der Angst, sich zu bewegen. An der Scheu, sichtbar zu werden. An der Versuchung, sich gegenseitig im Jammern zu bestätigen.

Dieses Jammertal ist warm und vertraut. Man erklärt sich gegenseitig, dass man eigentlich alles richtig macht. Dass man nur Pech hat. Dass die Welt ungerecht ist.

Aber außerhalb dieses Tals arbeiten andere. Sichtbar. Konsequent. Unbequem. Erfolgreich.

Diese Läden brennen. Nicht, weil sie Glück hatten. Sondern weil sie kämpfen. Weil sie ausprobieren, scheitern, neu denken. Weil sie aktiv einladen, statt zu warten. Weil sie Haltung zeigen, auch wenn sie anecken.

Ja, das kostet Schlaf.

Ja, das kostet Nerven.

Ja, das kostet Energie.

Aber es bringt Kunden.

Wer heute Reels über leere Läden postet, zeigt Resignation. Wer stattdessen zeigt, warum es sich lohnt, genau diesen Laden zu betreten, übernimmt Verantwortung. Der Unterschied ist kein politischer. Er ist ein mentaler.

Bevor ich mich selbstständig gemacht habe, habe ich in vielen Wirtschaftsunternehmen gearbeitet – zuletzt bei einem großen Onlineunternehmen. Bei einem sogenannten „Online-Riesen“. Wir haben Märkte (Online- und Stationär) analysiert, verglichen, seziert. Wir haben sehr genau beobachtet, was funktioniert und was nicht.

Ich habe mein Unternehmen vor sechs Jahren bei null gegründet.

Null Stammkunden.

Null Umsatz.

Null Follower.

Aber mit einer klaren Vision. Und mit einer Strategie, die ich konsequent verfolgt habe – ohne mich von kurzfristigen Trends oder äußeren Erwartungen abbringen zu lassen. Und ich halte dem Druck stand. 

Bei uns gab es in sechs Jahren keinen Sale. Und es wird auch keinen geben. Wir haben uns nie über Preise definiert. „Wenn wir billiger verkaufen, verkaufen wir mehr“ war für mich nie ein Argument. Ich bin kein Konzern. Ich brauche keine Marktanteile. Ich brauche Relevanz.

Volle Preise bis kurz vor Weihnachten und massive Reduktionen wenige Tage später halte ich nicht für Kundenorientierung, sondern für Unglaubwürdigkeit. Kunden verstehen das. Und sie erinnern sich daran. Auch ich – denn ich bin nicht nur Unternehmerin, sondern auch Kundin.

Unser Weg bedeutet auch: anders einkaufen. Keine Massen, keine Mengen. Nicht das Selbe wie schon 12x auf Instagram. Dafür ein tiefes Verständnis für unsere Kundinnen. Ein Sortiment, das zu ihnen passt. Marken, die wir bewusst positionieren. Und die Erkenntnis, dass Kopieren selten funktioniert. Was bei uns funktioniert, funktioniert nicht automatisch woanders. Und genau darin liegt der Kern: Kenne deine Kunden. Verstehe sie. Kommuniziere mit ihnen. Sei präsent. Und natürlich viel viel viel Analyse.

Ja, das ist Arbeit. Mehr als Ware aufzuhängen oder Trends oder gar den Nachbar zu kopieren. Aber genau das macht den Unterschied.

Der Einzelhandel muss nicht lauter jammern, sondern klarer handeln.

Nicht irgendwann. Jetzt.

Nicht halbherzig. Mit Konsequenz.

Nicht aus Trotz, sondern aus Professionalität.

Die Zeiten werden nicht einfacher. Aber sie sind gestaltbar. Und Fakt ist: der alte Einzelhandel wird nie wieder zurückkehren.

Für alle, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen – und aufzuhören, sich selbst leid zu tun.

Wer weiter jammert, wird verschwinden.

Wer arbeitet, wird bleiben. Und wer hart arbeitet, wird durch jede Krise kommen.

Handel ist Wandel. Und wird es immer bleiben. 

So einfach ist das.

Eure Marlis


Hinterlassen Sie einen Kommentar

Bitte beachten Sie, dass Kommentare vor der Veröffentlichung freigegeben werden müssen

Diese Website ist durch hCaptcha geschützt und es gelten die allgemeinen Geschäftsbedingungen und Datenschutzbestimmungen von hCaptcha.